Altern

Mark Schweda

„Wir finden die Zeit im Altern“, erklärt der österreichische Schriftsteller Jean Améry in seinem Essay Über das Altern. Revolte und Revolution. Einerseits wachse die Menge an gelebter Zeit hinter uns zusehends an und werde irgendwann schier übermächtig. Andererseits nehme die Menge an vor uns liegender Zeit zugleich zusehends ab und verrinne schließlich wie Sand in einem Stundenglas. Die Zeitlichkeit unserer Existenz trete so immer unabweisbarer zutage.

Mit diesen Erwägungen schließt sich eine erstaunliche Lücke in der zeitgenössischen Existenzphilosophie. Zwar hatte schon Martin Heidegger die Zeitlichkeit des Menschen als die grundlegende existenzielle Verfassung seines Daseins begriffen. Das Altern als Prozess oder das höhere Lebensalter als Phase findet dabei jedoch kaum Erwähnung. Die berüchtigte Rede vom „Vorlaufen zum Tode“ scheint über die konkrete Verlaufsstruktur und die verschiedenen Etappen und Biegungen der zurückzulegenden Strecke schlicht hinwegzugehen.

Dabei bildet das Altern zweifellos einen wesentlichen Zug unserer Existenz in der Zeit, vielleicht sogar die zentrale zeitliche Grundstruktur des menschlichen Lebens überhaupt. Schließlich prägt es unser gesamtes Dasein vom Anfang bis zum Ende. Ganz egal wer wir sind, wie wir leben, was wir tun: Wir alle werden älter und durchlaufen dabei gewisse unausweichliche und unumkehrbare Veränderungen unseres Körpers, unserer Persönlichkeit und Perspektive sowie unserer gesellschaftlichen Rolle und Stellung in der Welt. Leben bedeutet Altern.

Allerdings verläuft dieser Prozess individuell wie soziokulturell äußerst unterschiedlich, sodass sich kaum Allgemeines darüber sagen lässt. Traditionell wird das Altern oft nach dem Vorbild natürlicher Kreisläufe als ein Prozess des Wachstums und der Reifung gedeutet und mit Zugewinnen an Lebenserfahrung, Besonnenheit und Gelassenheit in Verbindung gebracht. Die Alten sind im goldenen Herbst des Lebens angelangt, sie fahren die Ernte eines langen Lebens ein, gelten als weise und abgeklärt. Zugleich fehlt es allerdings auch nicht an Stimmen, die die Zumutungen und Härten des Alterns herausstreichen: Die Zeit rinnt uns unwiederbringlich durch die Finger, das Leben nimmt eine feste, unabänderliche Gestalt an, Handlungsmöglichkeiten und Zukunftsaussichten schrumpfen, wir sehen uns mit Verlust, Vergänglichkeit und Endlichkeit konfrontiert. „Old age ain’t no place for sissies“, wie die Hollywood-Diva Bette Davis einst bemerkt haben soll – das Alter ist nichts für Weicheier.

Gegenwärtig scheint die moderne Medizin die Deutungshoheit über das Altern zu gewinnen. Sie bestimmt heute vielfach, was es heißt, alt zu werden und zu sein. Das führt zur einseitigen Fixierung aufs Körperliche und fördert ein Defizitmodell des Alters im Zeichen von Krankheit, Niedergang und Verfall. Gleichzeitig boomt das Angebot an medizinischen Lösungsansätzen. Botox, Filler, chemische Peelings und kosmetische Chirurgie versprechen, dem Älterwerden und damit der eigenen Zeitlichkeit nicht länger ins Gesicht blicken zu müssen. Die so genannte Anti-Aging-Medizin schreibt sich sogar explizit die Bekämpfung des Alterns auf die Fahne. Ziel ist es, den Alterungsprozess zu verlangsamen, aufzuhalten oder zurückzudrehen und das Leben radikal zu verlängern. Menschliche Zeitlichkeit scheint zu einem wissenschaftlich-technischen Problem zu werden. Das Spektrum reicht von diätetischen Ansätzen über Hormonpräparate und Antioxidantien bis hin zu gezielten Eingriffen in die molekularen Mechanismen biologischer Seneszenz. „Der erste Mensch, der 1.000 Jahre alt werden könnte, ist heute vielleicht schon 60“, verkündete der selbsterklärte Biogerontologe Aubrey de Grey vor einiger Zeit. Mit den technischen Visionen einer Kryokonservierung alternder Körper bzw. einer Digitalisierung der derzeit noch an sie gefesselten Seelen – Stichwort „Mind Uploading“ – bläst die transhumanistische Bewegung schließlich sogar zum direkten und frontalen Angriff auf die menschliche Vergänglichkeit und Endlichkeit selbst. Der letzte Gegner ist der Tod (→ Sterben und Tod).

Was an diesem wissenschaftlich-technischen Kampf gegen das Altern direkt ins Auge sticht, ist der etwas beschränkte Individualismus und Materialismus, die Verkürzung und Fixierung auf den einzelnen alternden Körper und seine jeweilige „Restlaufzeit“. Mit dem Verblassen jenseitiger Erfüllungshorizonte scheint die biologische Existenz im Hier und Jetzt buchstäblich zur „letzten Gelegenheit“ (Marianne Gronemeyer) für Glück und Sinn zu werden, das verzweifelt-verbissene Festkrallen an einem winzigen Stück lebender Materie entsprechend zur einzigen verbleibenden Option. Allerdings mag die Weitung des Blicks für umfassendere Zeithorizonte hier möglicherweise noch immer alternative Perspektiven eröffnen. Das gilt vor allem für den Gedanken der Generativität, also der intergenerationellen Verbundenheit mit unseren Vorläufern und Nachfolgern und der daraus erwachsenden Sorge um und Verantwortung für junge und künftige Generationen. Die Vorstellung, eine Spur zu hinterlassen, positiv in die Zukunft hineinzuwirken und so gleichsam die Quintessenz der eigenen Existenz in Form eines Vermächtnisses an andere, Nachkommende weiterzugeben, stellt in Aussicht, in gewisser Weise über den Tod hinaus fortzuleben und damit die Schranken der begrenzten und fortwährend bereits ablaufenden individuellen Lebenszeit zu überwinden. Ein solches bewusstes Einrücken des alternden Individuums in übergreifende zeitliche Zusammenhänge wie die Abfolge der Generationen, aber etwa auch den gesellschaftlichen Fortschritt oder die nachhaltige Entwicklung der Zivilisation insgesamt und damit den Fortbestand des Planeten als solchen, kommt einer Zurücknahme und Überschreitung des endlichen Selbst im Laufe des Alterungsprozesses und zugleich einer Öffnung für etwas sehr viel Größeres, Umfassenderes, letztlich geradezu Kosmisches gleich. Darin mag ein entscheidendes Moment dessen anklingen, was in der philosophischen Überlieferung als die Weisheit des Alters galt, eine Einsicht, die der deutsch-amerikanische Psychologe Erik H. Erikson einmal in der Wendung „I am what survives me“ zum Ausdruck brachte: Ich bin das, was mich überdauert.