Biografie
Claudia WiesemannIn seinem autobiografischen Roman „In die Nacht“ schildert Rudolf von Waldenfels, wie sehr ihn eine medizinische Diagnose aus der Bahn wirft. Der Schauspieler und Schriftsteller ist gerade einmal Mitte vierzig, als man ihm eröffnet, er sei an einem unheilbaren Blasenkrebs erkrankt und habe nur noch ein Jahr zu leben. Die völlig überraschende Nachricht von seinem so bald bevorstehenden Tod (→ Sterben und Tod) erschüttert ihn zutiefst. Doch nur wenige Wochen später, nach einer Operation wird die fatale Diagnose plötzlich revidiert. Der Krebs ist wider Erwarten heilbar, die Überlebenszeit nicht eingeschränkt. Es könnte also alles wieder gut sein? Nicht für Rudolf von Waldenfels. Denn das Leben, das für ihn vorher so selbstverständlich war, gibt es nicht mehr. Von einem Vierzigjährigen sagt man normalerweise, er stehe in der Mitte des Lebens, er habe noch alle Zeit der Welt vor sich. Doch dieser offene Zeithorizont des Lebens ist Waldenfels verloren gegangen. Er hatte den Tod vor Augen und kann den Blick in diesen Abgrund nicht mehr vergessen. Er fällt aus der Zeit, seinem alten Leben ganz und gar entfremdet.
Es ist diese – manchmal unheimliche – Fähigkeit der Medizin, die Biografien von Menschen zutiefst zu prägen, die sie zu einer großen Macht in unserem Leben hat werden lassen. Sie kann Krankheiten bändigen, die Zukunft vorhersagen, das Leben verlängern und den Tod bannen, aber sie tut das um einen Preis. Sie bestimmt mit, wie sich unser Leben gestaltet. Sie gibt Ziele wie Gesundheit oder langes Leben vor, zu denen wir uns verhalten müssen. Sie prägt unsere Vorstellungen von Wohlergehen und Lebensqualität. Sie lenkt unsere zeitlichen Erwartungen an ein als normal verstandenes gutes Leben. Man spricht von der Medikalisierung des menschlichen Lebens. Unsere Lebensgeschichte ist von der Medizin geprägt, ob wir das wollen oder nicht, und insbesondere dann, wenn uns eine Krankheit aus der Bahn zu werfen droht.
Versteht man die Medizin nur als Reparaturbetrieb, gerät diese besondere, die Lebensgeschichten von Menschen prägende Macht aus dem Blick. Denn der Kranke ist mehr als nur Laborwerte und Organfunktionen. Er ist ein Mensch mit Geschichte und Zukunft, mit Freunden und Familie, mit Wünschen und Hoffnungen. Die Medizin kann ihre Fehler korrigieren, bessere Therapien entdecken, sich neuen Kranken zuwenden. Der Patient kann das nicht. Sein Leben ist nicht reversibel; es muss zu Ende gelebt werden, selbst wenn sich durch eine voreilige Todesnachricht alle vertrauten Gewissheiten in Luft aufgelöst haben.
In der Medizin hat sich mittlerweile durchgesetzt, dass man sich nicht nur mit Organfunktionen, sondern auch mit der Lebensqualität der Patientinnen und Patienten befassen sollte. Das ist ein großer Schritt. Immerhin interessiert nun auch, wie die Kranken die Eingriffe der Medizin bewerteten, was also ein Eingriff im konkreten Leben eines einzelnen Menschen bewirkt. Doch auch Lebensqualität ist ein vielfach deutbarer Begriff: Von Wohlergehen über Zufriedenheit und Glück bis hin zu Sinn kann vieles darin enthalten sein. Manches davon ist in hohem Maße individuell und subjektiv, durch persönliche Lebensgeschichte und Lebenszeit geprägt. Das gilt umso mehr, je vielfältiger moderne Gesellschaften und damit auch berechtigte menschliche Erwartungen an ein gutes Leben werden. Es ist die große Herausforderung der Medizin der Zukunft, sich ihrer lebenszeitbestimmenden Macht bewusst zu sein und nach Kräften all‘ diesen so unterschiedlichen Biografien gerecht zu werden.