Chronische Erkrankung
Daniel BroschmannAls „Männerschnupfen“ bezeichnet man langläufig, wenn das vermeintlich „starke Geschlecht“ sich in dramatischer Weise aufgrund einer Erkältung außer Gefecht gesetzt fühlt, dafür aber umso mehr auf Hilfe und Fürsorge anderer Personen angewiesen ist. Nicht nur Männer, alle Geschlechter – ob weiblich, männlich oder nonbinär – fühlen sich in ihren körperlichen Fähigkeiten eingeschränkt: Der Körper wird als schwer und schmerzend erlebt, die Nase läuft, der Kopf dröhnt. Jeder Schritt vom Sofa oder Bett wird als anstrengend erlebt, die Konzentration und Aufmerksamkeit ist stark eingeschränkt, es besteht ein hohes Maß an Erschöpfung und Müdigkeit. „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“: Schopenhauers Aphorismus findet man als Motto fast jeder Apotheke. Aber was bedeuten Gesundheit und Krankheit? Was ist normal und woran bemisst sich das? Und: warum werfen wir nicht alle Pläne in unserem Leben um, wenn wir mal einen grippalen Infekt haben?
Das Kranksein (englisch: Illness) in akuten Krankheitsphasen zeigt uns, dass es eine stillschweigende enge Verwobenheit zwischen unserer personalen Selbstbestimmung sowie unserem Körpererleben gibt, die durch die „Krankheit“ (englisch: Disease) in Frage gestellt ist. Unser leibliches „Ich kann oder könnte“ (Husserl) ist gewissermaßen außer Kraft gesetzt und weicht beim Infekt einer vorübergehenden Insuffizienz. Gleichwohl gehört ein Infekt im Winterhalbjahr zur Normalität dazu – insbesondere, wenn man ein Kleinkind hat, das in die Kita geht. Belastend wird dieser körperliche Zustand erst, wenn ich weiß, dass er nicht in einer Woche vorüber geht, sondern, dass ich gar nicht mehr auf meinen Körper zählen kann. Wie im Chronometer ist Chronos der griechische Gott der objektiven Zeitrechnung – im Gegensatz zum Kairós, dem Gott des günstigen Augenblicks. „Chronisch“ ist etwas, was „objektiv“ lange andauert: so muss eine Schmerzstörung etwa 6 Monate durchgehend bestehen, eine Depression 2 Jahre, um als „chronisch“ bezeichnet werden zu können.
Durch das lange Andauern ändert sich jedoch etwas grundlegend im Krankheitserleben: Wenn ich weiß, dass meine Beschwerden nicht bald vorübergehen und ich meine Projekte wieder aufnehmen kann, dann kann ich mein Leben nicht mehr auf die Zukunft hin gestalten. Mein Zukunftshorizont wird unsicher und verengt sich. Eine chronisch progrediente neurologische Erkrankung wie ALS oder Morbus Parkinson ist durch einen chronischen Abbauprozess gekennzeichnet. Eine schwere Herzrhythmusstörung oder eine koronare Herzerkrankung kann dagegen lange Zeit stabil sein und mit einem Gefühl der Normalität einhergehen, jedoch jederzeit zu einer Reanimationspflichtigkeit oder einem plötzlichen Herzstillstand führen. Eine Erkrankung kann aber auch – wie etwa bei einer Schizophrenie oder Multiplen Sklerose – durch Schübe gekennzeichnet sein, d.h. mit einem Mal auftretende plötzliche Verschlechterung der Symptomatik. Je nachdem, welchen Verlauf eine Erkrankung nimmt und welchen Zukunftshorizont ich erwarte, ändert sich auch meine eigene Identität und mein Krankheitserleben. Es gibt auch chronische Erkrankungen, bei denen sich Betroffene nicht als chronisch krank erleben: Erwachsene mit angeborenem Herzfehler erleben die körperliche Einschränkung – bis zur Überschreitung körperlicher Grenzen – zumeist nicht als Verlust, sondern als Teil ihrer „Normalität“. Schließlich schließen sich Krankheit und Gesundheit nicht aus: bei nahezu allen Erkrankungen werden im Kranksein auch Phasen von Gesundsein erlebt, wie die Philosophin Havi Carel schreibt.
Im Gegensatz zur WHO, die Gesundheit nicht nur über den Ausschluss von Krankheit, sondern auch als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ bezeichnet, finden wir bei Friedrich Nietzsche, dem ewigen Hypochonder, einen anderen Gedanken. Der notorische Eigenbrötler bezeichnete Gesundheit als „dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen“. Bin ich „gesund“, dann tritt der Körper in den Hintergrund, ich kann meine Lebenszeit gestalten und mich auf die Welt ausrichten. In der chronischen Erkrankung gelingt dies nicht mehr: Betroffene sind zu weiten Teilen von ihrem Kranksein und der körperlichen Insuffizienzerfahrung absorbiert; können nicht mehr mit dem eigenen Leib rechnen und die Zukunft planen. Auch wird diese bedrohlich und unsicher. In gewisser Weise „haben“ sie nicht nur eine Krankheit, sondern sie „sind“ ihr Kranksein und müssen damit umgehen lernen. Dies unterscheidet chronische Krankheit von einem saisonalen grippalen Infekt – selbst, wenn dieser von Männern durchgemacht werden muss.