Demenz - Wenn das Ich sich auflöst
Eva HummersDemenz ist weit mehr als nur vergesslich zu sein. Sie ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungsbilder, die eines gemeinsam haben: den fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten. Eine Demenzerkrankung löscht nach und nach das aus, was einen Menschen ausmacht – Erinnerungen, Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale. Was bleibt, ist oft nur noch ein Schatten des früheren Selbst.
Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit, benannt nach dem deutschen Psychiater Alois Alzheimer, der sie Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals beschrieb. Sie macht etwa zwei Drittel aller Demenzfälle aus. Im Gehirn der Betroffenen sammeln sich winzige Eiweißablagerungen an, die wie mikroskopisch kleine Stolpersteine die Kommunikation zwischen den Nervenzellen stören. Nach und nach sterben diese Zellen ab – ein Prozess, der sich zunächst schleichend, dann immer rasanter vollzieht. Der Krankheitsverlauf folgt meist einem charakteristischen Muster: Zunächst sind es kleine Veränderungen im Kurzzeitgedächtnis. Der Schlüssel wird verlegt, Namen werden vergessen, Verabredungen entfallen. In dieser Phase können viele Betroffene ihre Defizite noch geschickt kaschieren. Mit der Zeit werden die Lücken jedoch größer. Das Langzeitgedächtnis bröckelt, die Orientierung schwindet, selbst alltägliche Handlungen werden zur Herausforderung. Im fortgeschrittenen Stadium ist oft eine vollständige Betreuung notwendig.
Es gibt noch andere Demenzerkrankungen, oft mit etwas anderen Symptomen in frühen Stadien, aber dann ähnlichen Verläufen.
Was Demenz so tückisch macht, ist ihre Unumkehrbarkeit. Bislang gibt es noch keine Heilung, und für die meisten Formen auch kein Medikament, das den Abbauprozess stoppt. Dies ist bisher nur in wenigen, spezifischen Fällen möglich, z.B. bei einer durch Alkohol ausgelösten toxischen Demenz. Hier kann ein kompletter Alkoholverzicht und Substitution von Vitamin B1 manchmal noch etwas Besserung bewirken. Neue Demenztherapeutika geben zwar Anlass zur Hoffnung bei Alzheimer-Demenz, erfordern aber noch weitere Forschung. Die bisher verfügbaren Medikamente (→ Medikalisierung) können bestenfalls die Symptome lindern und den Verlauf etwas verzögern. Umso wichtiger ist die Prävention: Ein aktiver Lebensstil mit viel Bewegung, geistiger Aktivität und sozialen Kontakten kann das Demenzrisiko deutlich senken.
Demenz ist nicht nur eine medizinische Diagnose – sie ist vor allem eine gesellschaftliche Herausforderung. In einer Welt, die auf Effizienz, Schnelligkeit und ständige Verfügbarkeit setzt, haben Menschen mit Demenz einen schweren Stand. Sie brauchen Zeit, Geduld und vor allem: menschliche Zuwendung. Eine demenzfreundliche Gesellschaft zu schaffen, in der auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen würdevoll leben können, ist eine der großen Auf-gaben unserer Zeit.
Dabei müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein Leben mit Demenz zwangsläufig ein Leben ohne Lebensqualität ist. Menschen mit Demenz können durchaus glückliche Momente erleben, auch wenn sie sich später nicht mehr daran erinnern. Sie nehmen Emotionen wahr, reagieren auf Musik, Berührungen und freundliche Zuwendung. Die Kunst im Umgang mit Demenzerkrankten liegt darin, sich auf ihre Realität einzulassen, statt sie ständig mit ihrer Vergesslichkeit zu konfrontieren.
Demenz konfrontiert uns letztlich mit grundlegenden Fragen: Was macht uns als Menschen aus? Wie definieren wir uns, wenn Erinnerungen und Fähigkeiten schwinden? Und wie gehen wir als Gesellschaft mit Menschen um, die nicht mehr dem Ideal des autonomen, leistungsfähigen Individuums entsprechen? Die Antworten auf diese Fragen werden mit darüber entscheiden, wie menschlich unsere Gesellschaft in Zukunft sein wird.