Fortpflanzung

Isabella Marcinski-Michel, Claudia Wiesemann

Wer von Fortpflanzung spricht, denkt wahrscheinlich zunächst an einen biologischen Vorgang. Doch Fortpflanzung ist auch ein eminent sozialer Akt, mit dem bedeutungsvolle, generations-übergreifende Beziehungen geschaffen werden. Kinder zu haben und eine Familie zu gründen stellt für viele Menschen einen wesentlichen Teil guten Lebens dar (→ Gutes Leben), den zu verfehlen als großer Verlust empfunden werden kann. An den zeitlichen Verlauf eines solchen ‚guten‘ Lebens knüpfen sich einflussreiche gesellschaftliche Erwartungen. Die sogenannte ‚Mitte des Lebens‘ ist geradezu gekennzeichnet durch die Erwartung, dass man sich mit Fragen der Familiengründung beschäftige, und sei es, dass man sich in dieser Phase reflektiert gegen ein Leben mit Kindern entscheidet. Immerhin erlauben es die modernen medizinischen Methoden der Empfängnisverhütung, den Zeitraum, zu dem man noch kein Kind oder kein Kind mehr bekommen will, mit einer gewissen Verlässlichkeit zu planen.

Damit beginnen aber auch die Probleme. Denn solche Erwartungen eines Timings können sich insbesondere im Leben von Frauen als schwer zu erfüllende Anforderung herausstellen. Das Zeitfenster für eine Familiengründung ist eng, den ‚richtigen‘ Zeitpunkt irgendwo zwischen Ausbildungsende auf der einen und dem Ende der Fortpflanzungsfähigkeit mit den Wechseljahren auf der anderen Seite nicht zu verpassen, wird durch vielerlei Widrigkeiten erschwert. Da gibt es gerade noch keine/n Partner/in, oder er/sie ist noch nicht bereit für ein Kind, die eigene Lebens- und Arbeitssituation ist prekär, die Gesellschaft wird von Krisen geschüttelt usw.

Abhilfe verspricht die Fortpflanzungsmedizin, indem sie es etwa ermöglicht, die eigenen Keimzellen vorsorglich für eine spätere Fortpflanzung einzufrieren, oder den Kinderwunsch mit Hilfe künstlicher Befruchtung auch im fortgeschrittenen Alter zu realisieren. Solche Optionen können mit hohen emotionalen (→ Emotion(en)) und nicht zuletzt finanziellen Kosten verbunden sein; unklar ist auch, ob den Kinderwunsch hinauszuschieben nicht bedeutet, ihn am Ende nicht zu realisieren. Frauen, die sich tatsächlich angesichts der vielen Zumutungen eines Berufslebens dazu entscheiden, erst spät im Leben, also jenseits der Vierziger oder Fünfziger ein Kind zu bekommen, werden ohnehin oft misstrauisch beäugt. Von der Medizin werden sie – im Gegensatz zu den oft noch sehr viel später im Leben ein Kind zeugenden Vätern – als „alte“ Mütter eingestuft und von der Gesellschaft nicht selten des Egoismus verdächtigt.

Über all diese Planungs- und Optimierungsvorstellungen hinweg bleibt es eine Grunderfahrung des Menschen, dass sich fortzupflanzen ein fragiles Unterfangen ist. Disruptive Erfahrungen, die den vermeintlich normalen Verlauf des Lebens stören, wie etwa ungeplante Schwangerschaften, Fehlgeburten oder die Konfrontation mit der Diagnose ‚Infertilität‘, kommen nicht selten vor, werden aber wegen der damit verbundenen Stigmatisierung vorrangig im Privaten ausgemacht und sind insofern kaum in gesellschaftliche Erzählungen eingebettet (→ Narrativität). Gänzlich aus dem Rahmen normalistischer Erwartungen an Fortpflanzung, Zeit und gutes Leben fallen queere Menschen (→ Queer Temporalities), denen das Recht auf einen Kinderwunsch immer noch nicht widerspruchslos zugestanden wird. Bei ihnen können zudem gerade jene herausfordernden, in der Regel im jungen und mittleren Lebensalter (→ Altern) angesiedelten Phasen der Identitätsfindung und -behauptung mit gesellschaftlichen Erwartungen an ein angemessenes – also möglichst nicht zu spätes – Alter für eine Familiengründung konkurrieren.

Für alle Beteiligten – nicht zuletzt die Expertinnen und Experten der Fortpflanzungsmedizin – besteht die spezifische Herausforderung darin, solche ambivalenten Ansprüche und Erwartungen an Zeitlichkeit und gutes Leben zu identifizieren, zu kritisieren und letztlich dazu eine reflektierte eigene Haltung zu finden.