Gutes Leben
Holmer SteinfathLängst ist die Rede vom „guten Leben“ in Werbung und Populärkultur angekommen. Sie ruft dort Bilder von einem Leben im Einklang mit der Welt und mit sich selbst hervor. Sie nähren den Traum von einem schönen Leben im Kreis der Familie und mit fröhlichen Freunden, in Frieden und versöhnt mit einer intakten Natur. Noch als Trugbilder und ideologischer Schein geben diese Bilder realen Sehnsüchten Ausdruck. Alle Menschen möchten ein gutes Leben führen. Nur sind sie sich nicht einig, worin ein solches Leben bestehen könnte und ob es überhaupt zu erreichen ist. Wie „Freiheit“ oder „Gerechtigkeit“ ist „gutes Leben“ ein Begriff, dessen Ausdeutung notwendig strittig bleibt, weil mit ihm je nach individueller und gesellschaftlicher Lage andere Schwierigkeiten mit und Hoffnungen für das eigene Leben und das der anderen artikuliert werden können.
In der antiken Philosophie wurde das gute Leben (eu zen) mit dem Glück (eudaimonia) gleichgesetzt. Nur meinte „Glück“ dabei nicht ein Hochgefühl oder eine positive emotionale Gestimmtheit (→ Emotion(en)), sondern ein im Ganzen gelungenes Leben. Ein solches Leben sollte ein Leben sein, dem nichts Wünschenswertes abgeht. Wer es führte, so die Idee, sollte nichts entbehren, dessen Besitz sein Leben noch besser machen würde. Kein Wunder, dass von Platon an viele gemeint haben, dass uns ein derart vollkommenes Leben, einem, dem wirklich nichts fehlen würde, unter irdischen Bedingungen notwendig verwehrt sei. Der Kirchenvater Augustinus war gar überzeugt, dass das Leben der Menschen im Diesseits „elendig“ (miseri) sei. Das wahre Glück wurde für ein Leben nach dem Tod versprochen.
Solche maximalistischen Forderungen sind uns heute eher fremd. Und doch treffen sie etwas Richtiges. Einmal nämlich wird jedem halbwegs nachdenklichen Menschen wenigstens irgendwann in seinem Leben dieses Leben zum Problem. Das Leben lebt sich nicht von selbst; wir müssen es führen und ihm eine Gestalt geben. Und weil das Leben für uns eine Aufgabe darstellt, hegen wir immer schon den Gedanken, dass es besser sein könnte. Wir tragen einen, wiewohl meist sehr verschwommenen, Maßstab des Gelingens und des Guten in uns. Andernfalls könnten wir gar kein Ungenügen an dem, was ist, empfinden. Dabei kommen zwei Seiten ins Spiel, die zueinander oft in Spannung stehen.
Zum einen geht es jedem bei der Suche nach dem guten Leben um sein eigenes Leben. Ich muss mich zu diesem einen Leben, dem einzigen, das ich habe, verhalten. Deswegen muss das gute Leben zu mir passen. Entscheidend ist am Ende nicht, was andere von mir wollen oder was in meiner Kultur für das Richtige gehalten wird. Entscheidend ist, dass ich mit diesem meinen Leben zurechtkomme. Ich muss es bejahen können. Es sollte mich erfüllen und, ja, auch, wenn irgend möglich, glücklich machen. Zum anderen steckt in der Idee des guten Lebens trotz aller Selbstbezogenheit ein Objektivitätsanspruch. Das Leben soll sich für mich nicht nur gut anfühlen. Behaglich kann sich jemand in seinem Leben auch einrichten, indem er sich etwas vormacht (wahrscheinlich sogar nur so). Viele wollen jedoch nicht in einer Scheinwelt leben. Sie möchten, dass das, was für sie zählt, wirklich zählt.
Für die subjektive Seite des guten Lebens steht manchmal ein entsprechend subjektivierter Begriff des Glücks; „Zufriedenheit“ oder „Selbstbejahung“ mögen ihn ergänzen oder an seine Stelle treten. Stärker objektive Konnotationen werden mit dem Begriff des Sinns verbunden. So wäre ein gutes Leben also ein glückliches oder wenigstens zufriedenes und zugleich sinnvolles Leben. Und wenn man einem Schurken nicht zugestehen möchte, ein sinnvolles Leben führen zu können, wird man sich darüber hinaus wünschen, dass ein gutes Leben ein gerechtes oder doch kein ganz unmoralisches Leben ist.
Das ist immer noch sehr anspruchsvoll. Kann ein Leben nicht noch weiter vom vollkommenen Leben entfernt gedeihen? Wenn das gute Leben ein für mich gutes und zu mir passendes Leben sein soll, muss es mit dem vereinbar sein, was mein Leben in seiner Konkretion ausmacht. Vielleicht bin ich von einer Krankheit gezeichnet, vielleicht bin ich arm geboren. Das gehört dann zu dem für mich Gegebenen. Ich muss dann sehen, wie ich trotz Krankheit und Armut meinen Weg im Leben finde. Andere haben es leichter, aber auch sie sind als Menschen verletzlich, und sterblich sind wir alle. Wir mögen das Leben der Götter beneiden, aber ihr Leben könnte nicht unser sein. Wonach wir suchen, ist ein gutes menschliches Leben. Aber auch das, was unserem Leben einen objektiven Wert und Sinn verleihen mag, kann von Person zu Person variieren. Oft hilft es, von sich selbst abzusehen und sich für andere einzusetzen. Aber das kann vieles Verschiedenes bedeuten. Das Leben konfrontiert jeden mit anderen Herausforderungen. Um ihm einen Sinn zu geben, muss jeder seine Herausforderungen annehmen, als Mutter oder Vater beispielsweise, in einem Beruf, als Bürgerin oder Bürger oder gegenüber der Natur. Die Herausforderungen ändern sich auch mit dem Alter (→ Altern); sie sind für einen Jugendlichen andere als für einen alten Menschen. Ein gutes Leben ist an Zeit und Zeitlichkeit gebunden.
Dürfen wir also hoffen, je ein gutes Leben führen zu können? Nur wenn man das gute Leben nicht mit einem Zustand verwechselt, der – einmal erreicht – nichts mehr zu wünschen lässt. Ein gutes Leben zu führen, bleibt eine permanente Aufgabe, die wir im Lichte immer neuer Herausforderungen nur mehr oder minder gut zu meistern versuchen können. Dabei sind wir nicht auf uns allein gestellt. Gelingen kann das Leben nur mit anderen und in einer besser geordneten Welt, die besser nur im Zuge kollektiver Anstrengungen werden kann.