Herz
Christoph Hermann-Lingen„Es schmilzt uns es blutet es lacht uns im Leibe“ – So beginnt Hans-Magnus Enzensbergers Gedicht „Innenleben“, in dem er verschiedenste alltagssprachliche Erscheinungsformen des Herzens aneinanderreiht: „Wir bringen etwas darüber und tragen etwas darunter, ... wir nehmen uns etwas dazu, wir haben etwas darauf“ und so weiter. Mit Enzensberger kann das Herz z.B. steinern oder weich, brennend, gut, leicht, schwer oder gebrochen sein. Bei so vielen bildhaften Zuschreibungen verwundert es nicht, dass Marcel Reich-Ranicki das Herz einmal als den „Joker der deutschen Dichtung“ bezeichnet hat.
Aber es kann auch ganz profan „erweitert, verfettet, gebraten“ oder in Aspik eingelegt daherkommen. Und es stellt für die Medizin natürlich diesen einzigartigen, kaum ein Pfund schweren Hohlmuskel dar, der mit seinen zwei Kammern, zwei Vorhöfen und vier Klappen unser Blut am Kreisen und so uns am Leben erhält. Dafür schlägt es – angeregt durch sein ausgeklügeltes elektrisches Reizbildungs- und Leitungssystem – im Laufe eines durchschnittlich langen Lebens einige Milliarden mal. Dabei wird es durch vegetative Nerven und Hormone von unserem Gehirn gesteuert. Aber das Herz ist nicht nur Empfänger von Nervensignalen; es produziert auch selbst Hormone, die u.a. auf das Gehirn zurückwirken können. Es hängt seinerseits an der Blutversorgung über drei wichtige, nur wenige Millimeter weite Kranzgefäße.
Wie gut es dem Herzen bei seiner lebenswichtigen Arbeit geht, hängt in hohem Maße davon ab, wie gut wir es pflegen: Halten wir es durch einen körperlich aktiven Lebensstil fit? Gönnen wir ihm die nötigen Ruhepausen? Oder belasten wir es durch Herzgifte wie Tabakrauch, Cholesterin oder negativen Stress?
Freilich kann das Herz auch bei bester Fürsorge erkranken oder sogar schon bei der Geburt erkrankt sein. Das Herzorgan muss dann evtl. repariert oder sogar ausgetauscht werden.
Jede Herzkrankheit hat ihrerseits entscheidende Bedeutung dafür, wie es uns in unserem Leben insgesamt geht. Müssen wir (wie bei einem angeborenen Herzfehler) von frühester Kindheit mit körperlichen Einschränkungen, medizinischen Eingriffen und einer ungewissen Lebensperspektive leben? Schleicht die Herzkrankheit sich lange Zeit unbemerkt in unser Leben hinein oder wirft sie uns urplötzlich wie ein Blitz aus der Bahn?
Mit seinem Rhythmus ist unser Herz spürbar in die zeitlichen Abläufe unseres Lebens eingebunden und jeder neue Herzschlag verbindet unsere Vergangenheit mit einer mehr oder weniger ungewissen Zukunft. Menschen können sich mit einer Herzkrankheit älter oder jünger fühlen als es ihrem kalendarischen Alter entspricht. Sie können ihre Vergangenheit durch die Brille der Herzkrankheit betrachten („was habe ich nur falsch gemacht?“, „Wie wäre mein bisheriges Leben ohne den Herzfehler verlaufen?“) oder ihre Zukunft durch die Erkrankung gefährdet, ggfs. verkürzt sehen: „Wie lange bleibt mir wohl noch?“
Tatsächlich kann das Herz plötzlich stehen bleiben und dann kann, wie manche Herzpatient*innen zurecht bemerken, „plötzlich alles vorbei“ sein (→Sterben und Tod). Das kann Ängste auslösen, die bis hin zu behandlungsbedürftigen psychischen Störungen führen können. Der Herzinfarkt ist eben regelmäßig mehr als „nur“ der Untergang einiger Gramm Muskelgewebe. Der Amerikanische Psychosomatiker Ned Cassem sprach vom Herzinfarkt als „ego infarction“, also „Ich-Infarkt“ (psychotherapeutisch zutreffender wäre „Selbst-Infarkt“), da mit dem „Lebensmotor“ Herz auch immer etwas von unserem Bild von uns selbst und unserer Rolle in der Welt beschädigt wird: War ich vorher klischeehaft „der Macher“ oder „die Mutter der Nation“, bin ich plötzlich mit Schwäche, Abhängigkeit und Vergänglichkeit konfrontiert.
Das Herz kann demgegenüber durchaus auch eine Quelle und ein Spiegel positiver Gefühle sein: Als Beziehungsorgan, das z.B. hüpfen kann, wenn wir uns verlieben, meldet es sich, wenn wir von Anderen innerlich berührt werden. Und für viele Menschen ist es der gefühlte Sitz der Seele, wenn zum Beispiel das Lachen von Herzen kommt.
Auch im Angesicht einer Herzkrankheit ist es wichtig, sich diesen Blick auf das Herz zu bewahren. Dann muss nicht jeder kleiner Hüpfer des Herzens zu Panik führen. Jeder Herzschlag ist vielmehr ein Beweis dafür, dass wir leben. Zugleich ist er eine Erinnerung daran, dass wir immer noch die Chance haben, mit uns und den Mitmenschen ins Reine zu kommen und in Zukunft bewusster – vielleicht sogar besser – zu leben.