Insuffizienz - Wenn Organe ihre Kraft verlieren

Eva Hummers

Insuffizienz – aus dem Lateinischen "insufficientia" – bedeutet wörtlich übersetzt "Unzulänglichkeit" oder "Unvermögen". In der Medizin beschreibt dieser Begriff die verminderte oder unzureichende Leistungsfähigkeit eines Organs oder Organsystems, das seine normale Funktion nicht mehr vollständig erfüllen kann. Meist wird dabei zwischen akuter und chronischer Insuffizienz (→ Chronische Erkrankung) eines Organs unterschieden. Eine akute Insuffizienz beschreibt dabei eine plötzliche oder sich schnell entwickelnde erhebliche Leistungsminderung eines Organs. Eine chronische Insuffizienz kann als Folgeschaden nach einem akuten Ereignis zurückbleiben. Oft entsteht sie jedoch schleichend, ohne frühe Symptome. Wie eine ausgeleierte Maschine, deren Leistung kontinuierlich schlechter wird, verliert ein Organ oder Organsystem dabei die Fähigkeit, seine Aufgabe zu erfüllen. Was so nüchtern klingt, bedeutet für den menschlichen Organismus eine fundamentale Störung seiner fein austarierten Balance.

Deutlich wird dieses Versagen am Beispiel des Herzens. Das Herz pumpt wie ein zentraler Motor lebenslang Blut durch den Körper; eine Herzinsuffizienz ist definitionsgemäß eine Pumpschwäche, bei der weniger Blut aus dem Herz ins Gefäßsystem ausgeworfen wird. Diese kann verschiedene Ursachen haben: Bei hohem Blutdruck oder einer Aortenklappenstenose muss das Herz immer angestrengter arbeiten, um gegen den Widerstand der Blutgefäße zu pumpen. Bei einer Mitralklappeninsuffizienz ist die Klappe zwischen linkem Herzvorhof und Kammer undicht, und ein Teil des Bluts wird nur hin und her gepumpt, anstatt vom Herz in den Kreislauf zu fließen. Nach einem Herzinfarkt kann eine Narbe zurückbleiben, die sich nach außen beult, statt Teil der Muskelpumpe zu sein. Durch schlechte Durchblutung bei koronarer Herzkrankheit oder andere Erkrankungen, z. B. eine Herzmuskelentzündung im Rahmen einer Grippe, wird der Herzmuskel selbst schwächer. Doch wenn so eine Herzinsuffizienz entsteht, gerät in Folge das gesamte System aus dem Takt. Wie ein überlasteter Pumpenmotor beginnt das Herz womöglich zu stottern. Es kann das Blut nicht mehr effektiv durch den Kreislauf befördern, andere Organe leiden dann unter der Minderdurchblutung und entwickeln ihrerseits Schäden.

Insuffizienz kann auch andere Organe betreffen. So können die Nieren z.B. infolge von Entzündungen, Flüssigkeitsmangel, akuten oder schleichenden Vergiftungen zunehmend ihre Filterfunktion als körpereigene Kläranlage einbüßen. Bei einer Leberinsuffizienz kann dieses zentrale Stoffwechselorgan seine vielfältigen Aufgaben der Entgiftung und Produktion lebenswichtiger Substanzen nicht mehr bewältigen. Bei einer Schädigung der Lungen nimmt deren Fähigkeit zum Gasaustausch ab, als würde ein Filter zunehmend verstopfen und nichts mehr durchlassen, und eine respiratorische Insuffizienz entsteht, bei der Betroffene kurzatmig werden und letztlich unter den Folgen von zu wenig Sauerstoff und zu viel Kohlendioxid im Blut leiden.

Was alle diese Formen der Organinsuffizienz verbindet, ist ihre systemische Wirkung. Ein insuffizientes Organ zieht in seiner Schwäche andere Organsysteme in Mitleidenschaft. Wie in einem Dominoeffekt kann der Ausfall einer Funktion weitere Störungen nach sich ziehen. Eine Herzinsuffizienz belastet die Nieren, eine Niereninsuffizienz oder respiratorische Insuffizienz kann das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen – ein Teufelskreis beginnt.

Die moderne Medizin hat für viele Formen der Insuffizienz Behandlungsstrategien entwickelt. Medikamente (→ Medikalisierung) können die Herzleistung unterstützen, die Dialyse kann die Nierenfunktion ersetzen, und Beatmungsgeräte können eine insuffiziente Lunge unterstützen. Doch all diese Therapien können das ursprüngliche Problem meist nur lindern oder die Verschlechterung bremsen, aber nicht mehr wirklich heilen. Sie sind wie Stützen für ein baufälliges Gebäude – notwendig, aber kein dauerhafter Ersatz für die ursprüngliche Stabilität.

Die besondere Tücke der chronisch verlaufenden Insuffizienzen liegt in ihrer oft unbemerkt fortschreitenden Entwicklung. Irreversible Schäden können schleichend im Verborgenen entstehen, denn der Körper ist ein Meister der Kompensation. Lange Zeit kann er nachlassende Organfunktionen ausgleichen, kann Reserven mobilisieren und alternative Wege finden. Doch irgendwann geraten auch diese Mechanismen an ihre Grenzen. Dann kann eine kleine zusätzliche Belastung wie z.B. ein Infekt oder eine Hitzeperiode nicht mehr kompensiert werden. Das gesamte System „kippt“ in eine Abwärtsspirale, in der sich die Gesundheit der Betroffenen dann oft merklich und schnell verschlechtert.

Für die moderne Medizin bedeutet dies eine dreifache Herausforderung: Zum einen gilt es, beginnende Insuffizienzen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, bevor sie ihre volle destruktive Wirkung entfalten können. Zum anderen müssen Strategien entwickelt werden, die nicht nur die Symptome eines Organs behandeln, sondern das gesamte System stützen und vor allem auch die zugrundeliegenden Ursachen angehen. Denn eine chronische Insuffizienz ist oft das Ende einer langen Kette von Ereignissen, bei der Lebensstil, genetische Faktoren und Umwelteinflüsse zusammenwirken.

In der medizinischen Beratung ist es jedoch wichtig, nicht nur organbezogene Insuffizienzen und sonstige Unzulänglichkeiten oder Störungen in den Fokus zu nehmen. Zwar sind deren Überwachung und Behandlung wichtig. Aber eine zu starke Betonung von Krankheit und Defiziten führt vor allem bei Menschen mit chronischen Krankheiten oft eher zu Hilflosigkeit und Resignation als zu aktivem Bemühen um die eigene Gesundheit. In der modernen Medizin soll daher in einem ressourcenbetonten Beratungsansatz (→ Ressourcenverteilung) der Blick auch auf die verbleibenden Möglichkeiten eines guten Lebens (→ Gutes Leben) und auf die individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten einer jeden Person gerichtet werden, um Motivation, Aktivität und letztlich Gesundheitskompetenz zu fördern.