Jetzt
Sonja DeppeAuf das Jetzt können wir nicht zeigen. Aber alles, auf das wir zeigen können, ist jetzt. Was jetzt ist, kommt uns auf einzigartige Weise nahe: Was wir wahrnehmen, ist jetzt. Handeln können und müssen wir jetzt. Das Jetzt ist konkret, bestimmt, unausweichlich, einfach da. Mal überwältigend und überraschend, mal bedrohlich und unbarmherzig, mal befreiend und beglückend. Wenn überhaupt etwas, dann müsste das Jetzt zum Greifen nahe sein. Warum nur bekommen wir es nie zu fassen? Anders als das Hier können wir nicht innehalten und es in Ruhe betrachten. Kaum habe ich „jetzt“ gesagt, ist der Moment schon wieder vorbei, unwiederbringlich. Nicht nur das – es scheint, als läge es bei uns Menschen in der Art, uns vom Jetzt weg zu orientieren: Wir hängen Erinnerungen nach, wir bereuen oder haben Schuldgefühle, wir betrauern Verlust, wir sind dankbar, wir sorgen uns um die Zukunft, wir planen, wir hoffen und erleben Vorfreude. Wer sich in Meditationstechniken versucht, wird nicht selten damit konfrontiert, wie es uns geradezu aus dem Jetzt herausreißt.
Auch in der philosophischen Betrachtung sorgt das Jetzt für Kopfzerbrechen: Schon in der Antike begegnet uns die Konzeption des Jetzt als dimensionslos, als ein Zeitpunkt, der keine eigene Dauer besitzt. Und schon tauchen die ersten Probleme auf: Zenon von Elea überlegt, dass ein fliegender Pfeil sich in jedem Jetzt-Moment an einer festen Position befindet. Wann aber bewegt sich dann der Pfeil? Das Jetzt scheint wahrlich keinen Platz für Veränderung zu besitzen! Doch wann sollte Veränderung stattfinden, wenn nicht im Jetzt? Zenons Schlussfolgerung, dass Veränderung nicht wirklich ist, möchten die Wenigsten mitgehen. In Abgrenzung zu Zenon konzentriert sich Aristoteles bei seiner Analyse von Zeit auf dauerhafte Zeitabschnitte; das Jetzt kommt gleichsam nur noch als Grenze zwischen einer vergangenen und einer zukünftigen Dauer in Betracht. Aber ist dies nicht auch unbefriedigend angesichts der zentralen Bedeutung, die das Jetzt für unser Erleben und Handeln hat?
Für die gegenwärtige Zeitphilosophie stellt das Jetzt keine kleinere Herausforderung dar. In einem kurzen aber wirkungsreichen Aufsatz von 1908 folgert John Ellis McTaggart aus der Tatsache, dass das Jetzt sich immer wieder erneuert, nicht weniger als die Unwirklichkeit der Zeit selbst. Die Theorien, die in Abgrenzung zu dieser Argumentation – sozusagen zur Rettung der Zeit – angetreten sind, scheinen teils kaum mehr mit unserer alltäglich-intuitiven Sicht auf das Jetzt vereinbar: Laut dem Eternalismus etwa gibt es das Jetzt objektiv betrachtet gar nicht. Man kann sich das so vorstellen, dass alle Zeitmomente gleichberechtigt in einem vierdimensionalen Universum ausgebreitet liegen (was übrigens sehr gut mit einer Physik der Relativitätstheorie zusammenpasst). Hiernach mag ich, die ich gerade diesen Text schreibe, zwar darauf beharren, dass dies jetzt geschieht, dabei handelt es sich jedoch um eine rein subjektiv-perspektivische Aussage – ebenso wie diejenige, dass Göttingen hier ist. Mit gleichem Fug und Recht kann die im antiken Griechenland praktizierende Ärztin Agnodike sagen, dass es jetzt sei, dass sie einer Geburt beiwohne. Ebenso richtig liegt eine Päpstin, die an anderer Zeitstelle sicher ist, gerade jetzt Urbi et Orbi den Segen zu spenden. Das Jetzt besitzt keine Allgemeingültigkeit und für eine umfassende Charakterisierung der zeitlichen Wirklichkeit ist es, so die These, überhaupt nicht relevant.
In dem Beitrag „Zeit“ dieser Begriffssammlung lesen wir, dass die Zeit ein Rätsel sei. Das Jetzt, so scheint es, ist das Rätselhafteste an diesem Rätsel. Zugleich aber, das ist und bleibt trotz aller philosophischen Grübelei so, ist das Jetzt uns stets das Nächste und Klarste. Wir haben nur das Jetzt – zum Riechen und Schmecken, zum Sprechen und Handeln und, ja, zum Genießen eines guten Lebens (→ Sterben und Tod). Das Kopfzerbrechen über die Zeit der Marschallin in Richard Strauss’ Der Rosenkavalier lässt sich ebenfalls im Zeit-Beitrag dieses Heftes nachlesen. An anderer Stelle des Librettos sagt die Marschallin zu ihrem Geliebten Octavian recht weise: „Philosophier Er nicht, Herr Schatz, und komm‘ Er her./ Jetzt wird gefrühstückt. Jedes Ding hat seine Zeit.“