Kairos

Claudia Stockinger

Jener seltene Augenblick, den man nutzen muss, will man es nicht lebenslang bereuen, eine, nein: die glücklich machende Entscheidung verpasst zu haben – das ist der Kairos. Wer an den Scheidewegen des Lebens zu lange zögert, ist schon verloren. Mit anderen Worten: Der Kairos setzt unter Druck. Davon berichtet ein Studienfreund, der in seiner Jugend als Anhalter unterwegs war und die schöne Frau im roten Porsche doch fahren ließ, weil sie nicht in seine Richtung wollte. Das leise, aber hörbar gesprochene Wort „Trottel“ der Fahrerin hallt bei meinem Freund bis heute nach.

Nur: Woran erkennt man diesen rechten Augenblick? Sicherlich daran, dass man ihn noch im Erleben auf Dauer stellen will. Als sich Jesus in Begleitung seiner Jünger Petrus, Jakobus und Johannes auf einem „hohen Berg“ mit den Propheten Mose und Elija unterhielt, erlebte Petrus die Begegnung als Augenblick der plötzlichen, ‚lichthaften‘ ‚Verwandlung‘ seines Herrn („sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“). Er war von dieser Situation selbst so geflasht, dass er gleich „drei Hütten“ errichten wollte. Die Immobilie galt offensichtlich schon zu Zeiten des Matthäus-Evangeliums als naheliegende Möglichkeit der Inbesitznahme. Aus diesen überaus menschlichen Plänen aber wurde nichts, Gott selbst intervenierte und leitete die Jünger auf andere Wege. Eine doch nicht verpasste Gelegenheit?

„Augenblick – verweile doch“ – so titelte 2003 eine (erste) Autobiographie (→ Biografie) des seinerzeit schon nicht mehr aktiven Tennisspielers Boris Becker. Das Buch bezieht sich damit auf die heute wohl bekannteste Quelle für den Kairos, auf Goethes Faust 1. Auch Goethes durchaus ambivalent gezeichnete Figur des Dr. Faustus wird maßgeblich von jenem Begehren umgetrieben, den Augenblick festzuhalten („Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön!“). In der Folge zieht Faust aber ungleich radikalere Konsequenzen als man diese Petrus oder gar Becker zumuten möchte: „Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!“ – Festhalten um jeden Preis bedeutet demnach unweigerlich eben nicht Wohlergehen, sondern Sterben und Tod. In Nietzsches Die fröhliche Wissenschaft wird der Gedanke insofern ins Monströse hinein verlängert, als das Erleben eines solchen „ungeheuren Augenblick(s)“ ggf. ergeben könnte, „nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung“. Um ein gutes, erfülltes, gelingendes Leben zu leben (Nietzsche spricht an dieser Stelle davon, „dir selber und dem Leben gut [zu] werden“), müsste die Quadratur des Kreises gelingen und die Lebensdauer mit dem rechten Augenblick in eins fallen.

Anders gesagt: Gutes Leben u.a. mit Blick auf den Tod, mithin zentrale Perspektivierungen der Forschungsgruppe „Medizin und die Zeitstruktur guten Lebens“ (FOR 5022), lassen sich mit dem Schlagwort des Kairos fassen. Nicht umsonst laufen viele der Stichpunkte unseres hier vorgelegten Glossars auf den Kairos zu: In so ziemlich allen Mythologien und Religionen wird vom ihm erzählt (→ Narrativität). Ja, recht eigentlich wird er erzählend allererst erzeugt. Mit der verweigerten Forderung, Hütten zu bauen, liefert das Christentum ein vergleichsweise harmloses Bild für den Kairos. Es kennt im Markus-Evangelium allerdings auch die Vorstellung, das Reich Gottes sei dann „nahe“, wenn „die Zeit“ (ὁ καιρὸς/der Kairos in der altgriechischen Fassung des Neuen Testaments) „erfüllt“ ist. Und die antike Mythologie erklärt den Kairos gar zu einem Gott. Dessen Allmacht wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er sich an den eigenen Haaren nicht aus dem Sumpf ziehen lässt, jedenfalls nicht von hinten. Will man ihn packen, erwischt man in der Regel lediglich seine kahle Rückseite.

Mit den zentralen Forschungsperspektiven der FOR 5022 lässt sich also fragen: Kann man den Kairos denn überhaupt optimieren (→ Optimierung), etwa, indem man sich ihn in ähnlicher oder neuer Weise immer wieder erzählt, oder stellt er sich nicht doch stets unzeitig ein (→ Unzeitigkeit), weil gerade er eben nicht planbar ist? Dann eignete er sich jedenfalls nicht als Modell für jene Vorausverfügungen, mit denen das moderne Sicherheitsbedürfnis das Unverfügbare zu organisieren versucht. Ist der Kairos unabdingbar auf absolute Gegenwärtigkeit, das Jetzt, abonniert, zumal man ihn nicht am sprichwörtlichen „Schopf packen“ kann und er stets „auf Messers Schneide“ steht? Stellt er sich überhaupt noch ein in Lebenssituationen, die wörtlich auf den Chronos (altgriech. ὁ xρόνος), den Ablauf der Zeit/die Lebenszeit selbst also, setzen, indem sie – wie im Wortsinn so manche Krankheit – ‚chronisch‘ geworden sind (→ Chronische Erkrankung)? Der chronisch Erkrankte könnte dann gerade nicht auf die Zeit als Augen-blick/ὁ καιρὸς setzen, sondern dürfte auf die Zeit als Ewigkeit (altgriech. Äon/ὁ αἰών) wenigstens hoffen. Und für Menschen ohne stabile Jenseitserwartung bliebe dann immerhin noch die irdische Medizin als Hoffnungsträger. Garantien auf Heilung bietet aber auch sie nicht, bei allen Angeboten zu möglichst umfassender Prävention.

Ist der Kairos also doch ein Bild für die Vergeblichkeit des Timings, weil der Mensch es kaum selbst in der Hand und zu verantworten hat, die richtige Entscheidung im rechten, aber flüchtigen Augenblick zu treffen? Einen Ausweg aus den Sackgassen, die sich beim Nachdenken über den Kairos immer wieder neu aufzutun drohen, bietet Ignatius von Loyola mit seinem Vorschlag, auf erfüllende Augenblicke im Kleinen, im Alltäglichen zu achten und diese stets von Neuem produktiv werden zu lassen. Dass der Mitbegründer des Jesuitenordens im 16. Jahrhundert darin einen Weg erkannte, Gott „in allen Dingen“ zu „suchen“ und zu „finden“, muss man ja nicht teilen.