Lebensqualität
Lisa NebelLebensqualität ist aus der Medizin längst nicht mehr fortzudenken – sie zählt, neben Mortalität und Morbidität, zu den entscheidenden patientenbezogenen Behandlungskriterien und ist seit 2017 im Sozialgesetzbuch V fest verankert. Eine Entwicklung, die die Perspektive der Patient*innen im medizinischen Diskurs festigt, denn Lebensqualität wird von der Weltgesundheitsorganisation definiert als das persönliche Urteil darüber, wie gut das eigene Leben mit individuellen Werten, Zielen und Präferenzen zusammenpasst. Das war nicht immer so: Die fragwürdige, oft vergessene Herkunft des Konzepts liegt in der eugenischen Debatte, in der Lebensqualität als Fremdurteil über den Wert eines individuellen menschlichen Lebens verwendet wurde. Nach einer kritischen Auseinandersetzung und Weiterentwicklung des Begriffs im sozialwissenschaftlichen Diskurs fand Lebensqualität als Indikator subjektiven Erlebens erneut Einzug in die Medizin. Der ursprünglich weit gefasste Begriff wurde allerdings schnell zugunsten einer effizienten Erfassung auf seine Bezüge zur Gesundheit reduziert. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität beschreibt das körperliche, psychische sowie soziale Funktionsniveau und Wohlbefinden von Patient*innen. Diese Fokussierung wirft jedoch einige Probleme auf, die es zu diskutieren gilt.
Die Problematik der medizinischen Konzeption von Lebensqualität wird am Beispiel der Geschichte von Stephen Hawking besonders eindrücklich: Nach der Diagnose einer neurodegenerativen Erkrankung wurde ihm eine kurze Lebenserwartung und eine dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustandes, die negative Auswirkungen für seine Lebensqualität mit sich ziehen würde, prognostiziert. Er wäre nicht mehr in der Lage, sich selbstständig fortzubewegen, geschweige denn sich anderen über das gesprochene Wort mitzuteilen. Trotz massiver körperlicher Einschränkungen entwickelte Hawking revolutionäre physikalische Theorien, reiste, hielt Vorträge und bezeichnete sein Leben als erfüllend.
Hawkings Biografie verdeutlicht folgende Probleme der medizinischen Konzeption von Lebensqualität: Zunächst handelt es sich bei Lebensqualitätsurteilen um Momentaufnahmen. Die individuelle Bewertung der eigenen Lebensqualität kann sich im Laufe des Lebens (→ Altern) erheblich verändern. Eine Person, die heute ihre Lebensqualität als niedrig einschätzt, kann sie in einer späteren Lebensphase positiver bewerten und umgekehrt. Die zeitliche Varianz (→ Zeit) von Lebensqualitätsbewertungen kann auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden: Subjektive Urteile können emotionalen (→ Emotion(en)) und kognitiven Verzerrungen unter-liegen und durch Anpassungsprozesse, neue Perspektiven oder aber veränderte Lebensbedingungen beeinflusst werden. Medizinische Entscheidungen, die sich stark auf aktuelle Lebensqualitätsbewertungen stützen, könnten daher langfristige Entwicklungen unzureichend berücksichtigen.
Die Fähigkeit zur Anpassung an bestimmte Gegebenheiten wird oft unterschätzt, wie das sogenannte Well-Being-Paradox verdeutlicht. Es beschreibt die Beobachtung, dass Menschen mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen ihr Wohlbefinden (→ Wohlergehen) oft überraschend hoch bewerten – höher als es ihr objektiver Gesundheitszustand vermuten ließe. Was können wir aus diesem Phänomen schließen? Lebensqualität ist weit mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit, Leid oder Schmerz.
Durch ihre Reduktion auf die Bezüge zur Gesundheit entsteht jedoch ein blinder Fleck, der essenzielle Aspekte eines erfüllten Lebens ausblendet. Das Erleben von Sinn, die Erfüllung von Zielen oder die Realisierung persönlicher Präferenzen – all das beeinflusst, ob Menschen ihr Leben als gelungen empfinden. Während Hawkings Geschichte ebenso wie die Biografien von Frida Kahlo, Viktor Frankl oder Friedrich Nietzsche eindrucksvoll illustrieren, dass Leid, Verlust oder Krisen tiefere Sinnhaftigkeit stiften können, muss ein hohes Maß an gesundheitsbezogener Lebensqualität nicht zwingenderweise bedeuten, dass Menschen ihr Leben als sinnhaft empfinden.
Kurzum: Die Berücksichtigung der Lebensqualität hat dazu beigetragen, dass die subjektive Perspektive von Patient*innen stärker in den medizinischen Diskurs einbezogen wird. Sie ist ein wertvolles Instrument, um Behandlungserfolge nicht nur an objektiven Gesundheitsparametern zu messen. Dennoch sollten wir uns der Bedeutung der gängigen medizinischen Konzeption von Lebensqualität bewusst sein, um sie nicht fehlzuinterpretieren! Ein wirklich um-fassendes Verständnis von Lebensqualität muss über Funktionalität und Wohlbefinden hinausgehen – hin zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem, was ein gutes Leben für die Betroffenen wirklich ausmacht (→ Gutes Leben).