Medikalisierung

Laura Mohacsi

Die wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte haben dazu geführt, dass immer mehr medizinische Möglichkeiten mit steigenden Erfolgschancen verfügbar sind. Seit dem 19. Jahrhundert lässt sich eine Professionalisierung der Medizin beobachten, die weitreichende Medikalisierungsprozesse nach sich zieht. Medikalisierung bezeichnet gesellschaftliche Entwicklungen, durch die die Zuständigkeiten der Medizin auf Probleme ausgeweitet werden, die zuvor nicht als medizinisch galten. So wird beispielsweise Unfruchtbarkeit von der Weltgesundheitsorganisation inzwischen als Krankheit klassifiziert und kann auf verschiedenerlei Art und Weise medizinisch behandelt werden. In der Altersmedizin macht sich die Medikalisierung dadurch bemerkbar, dass Symptome, die einmal als „normale“ Alterserscheinungen galten (→ Altern), heute vielfach als Krankheiten behandelt werden. Am Lebensende (→ Sterben und Tod) lässt sich das Phänomen der Medikalisierung auch durch einen Wechsel der zuständigen sozialen Rollen veranschaulichen: War früher ein Priester zu-ständig, Sterbende zu betreuen, so sind es heute mehrheitlich Ärztinnen und Ärzte, die den Sterbeprozess begleiten (→ Spiritual Care).

Im Zuge von Medikalisierungsprozessen werden nicht-medizinische Probleme unter Rückgriff auf neue Krankheitskonzepte zu medizinischen umgedeutet. Darin verbirgt sich eine Pathologisierung – die Erklärung von etwas als krankhaft –, die das Potenzial zur individuellen Entlastung beinhaltet: Abweichendes Verhalten, etwa bei Alkoholismus oder Spielsucht, muss nicht länger als moralisches Fehlverhalten gedeutet werden, sondern lässt sich als Krankheit verstehen. Andere Deutungsarten, etwa religiöse, werden darüber verdrängt und moralische Ansichten wandeln sich. Die Deutungsmacht über moralische Fragen verlagert sich zunehmend von anderen gesellschaftlichen Bereichen zur Medizin. Während es zum Beispiel lange Zeit fast ausschließlich der Kirche zustand, moralisch über Verhütungsmethoden oder Schwangerschaftsabbrüche zu urteilen, haben heute die Aussagen von Medizinethiker*innen große Wirk-macht, werden medial aufgegriffen und oft auch bei der Gesetzgebung berücksichtigt.

Deshalb wird neben einem Entlastungspotenzial oft ein großes Steuerungs- und Machtpotenzial in der Medikalisierung gesehen. Durch ihre Ausweitung in den Alltag wird die Medizin zur Institution der sozialen Kontrolle. Denn medizinische Diagnosen, Behandlungsmethoden und Gesundheitsnormen wirken nicht nur heilend, sondern regulieren gesellschaftliche Normen und Verhaltensweisen. Beispielsweise wird argumentiert, dass vermehrte Diagnosen von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) und deren Behandlung mit Medikamenten wie Ritalin auch eine Disziplinierungsfunktion haben – etwa um impulsive oder „störende“ Kinder an schulische Erwartungen anzupassen. Das gängige Bild von Medizin als rationale und objektive Naturwissenschaft verschleiert dabei solcherlei Kontrollausübung.

Zudem beinhaltet die Medikalisierung auch eine Tendenz, gesellschaftliche Probleme zu individualisieren und dadurch die Last der Problemlösung auf dem Rücken Einzelner abzuladen. Da Diagnostik und Therapie auf individuellem Level erfolgen, werden nicht-medizinische Interventionen (z.B. politische oder soziale) unwahrscheinlicher, sobald ein Problem einmal als medizinisch-individuelles klassifiziert wurde. Auf das ADHS-Beispiel bezogen bedeutet das, dass durch die Diagnose einzelner impulsiver Kinder mit ADHS die Notwendigkeit geschmälert wird, das Schulsystem politisch und gesamtgesellschaftlich zu hinterfragen und besser an unterschiedliche Bedürfnisse von Kindern anzupassen (→ Kindheit).

Gleichzeitig mit der Medikalisierung bestimmter Phänomene kommt es immer auch zur De-Medikalisierung anderer Phänomene. Homosexualität beispielsweise wurde über Jahrzehnte hinweg immer weiter legalisiert und normalisiert, sodass sogenannte Konversionstherapien, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung einer Person zu verändern, in Deutschland heute verboten sind.

Im Kern von Medikalisierungsthesen steht die Idee, dass die medizinische Praxis und Autorität, aber auch die Gesetzeslage und Rechtsprechung bezüglich der Medizin zunehmend auf Aspekte des Alltags ausgeweitet werden. Das kann Einzelpersonen einerseits zwar von der Verantwortung für eigene Verhaltensweisen entlasten, bürdet ihnen andererseits aber auch Verantwortung für gesellschaftliche Probleme auf und verlagert einen Teil sozialer Kontrolle und gesellschaftlicher Deutungsmacht an die Medizin. Medikalisierungsprozesse stehen dabei nicht für sich, sondern finden in Wechselwirkung mit anderen gesellschaftlichen Veränderungen wie technologischem Fortschritt, Individualisierung oder Säkularisierung statt. Diese wechselseitigen Dynamiken zeigen, dass Gesundheit und Krankheit nicht nur biologische bzw. medizinische Kategorien sind, sondern auch soziale und kulturelle Dimensionen haben, die sich stets wandeln – und genau darin liegt die Herausforderung für Wissenschaft, Medizin und Gesellschaft.