Narrativität
Christian HißnauerWir sind alle ‚erzählende Affen‘ oder ‚Geschichten erzählende Tiere‘, um bekannte Beschreibungen des ‚homo narrans‘ aufzugreifen. Das bedeutet, dass Erzählen ein Grundbedürfnis des Menschen ist – und das auf verschiedene Weise: Narrative (also erzählende) Aspekte berühren unser Selbstbild genauso wie unsere Weltwahrnehmung, in der Wirtschaft zählt die Erfolgsgeschichte, in der Politik setzt man ‚Narrative‘ ein, der Journalismus lebt vom Storytelling, Historiker*innen erzählen Geschichte. Als Narrative Medizin hält das Erzählen sogar Einzug in das Gesundheitswesen. Was aber heißt ‚erzählen‘? Was zeichnet also Narrativität aus?
Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick in die Erzählforschung, die sog. Narratologie. Dort finden sich sog. Minimaldefinitionen, die versuchen, den Kern des Erzählens zu bestimmen. Wesentlich dabei ist, dass Narrativität vor allem über die erzählende Form bestimmt wird (und nicht über das Vorhandensein eines*einer Erzähler*in), um sie intermedial anschluss-fähig zu machen. In einem sehr allgemeinen Sinne lässt sich Erzählen so als Darstellen eines Geschehens, einer Zustandsveränderung oder einer Verkettung von Ereignissen verstehen. Narrativität ist also dadurch geprägt, dass etwas passiert. Daher ist Zeitlichkeit eine grundlegende Eigenschaft des Erzählens.
Die Narratologie interessiert aber nicht nur, was erzählt wird, sondern auch, wie erzählt wird. Dabei spielt Zeitlichkeit ebenfalls eine große Rolle, denn eine wesentliche Funktion des Erzählens ist es, die Zeit der Ereignisse in eine andere Zeit – die der Erzählung – zu überführen. So können Geschehen gerafft (wenn bspw. die Ereignisse von Jahren oder gar Jahrzehnten auf wenigen Buchseiten abgehandelt werden), der Augenblick gedehnt (z.B. durch die filmische Zeitlupe) oder die zeitliche Abfolge des Dargestellten verändert werden (bspw. durch Rückblicke und Vorausdeutungen). Auf den Punkt gebracht wird das in der oft zitierten Aussage des französischen Filmregisseurs Jean-Luc Godard: „Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“ Diese doppelte Zeitstruktur, die sich als Verhältnis von erzählter Zeit zur Erzählzeit darstellen lässt, macht Narrativität im engeren Sinne aus.
Die Narrative Medizin interessiert sich in zweifacher Hinsicht für Erzählungen. Zum einen werden in der Mediziner*innenausbildung Romane, Filme und Serien o.ä. mit dem Ziel eingesetzt, angehende Ärztinnen und Ärzte zu einem (selbst-)kritischen Denken anzuregen (bspw. durch die Übernahme von Betroffenen- oder Angehörigenperspektiven). Zum anderen will die Narrative Medizin eine bessere Patient*innenversorgung in der Praxis erreichen, indem sie ihren Erzählungen mehr Gewicht beimisst.