Optimierung

Julia Schreiber

In einem allgemeinen Sinn kann Optimierung zunächst als Versuch verstanden werden, ein unter den gegebenen Bedingungen und mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen bestmögliches Ergebnis zu erzielen (→ Ressourcenverteilung). Insofern stellt sie ein genuin wirtschaftliches Handlungsprinzip dar – sind Unternehmen doch darauf angewiesen, schneller zu sein als andere, mehr Leistung zu erbringen, Effizienz zu steigern, um im Wettbewerb zu bestehen. Auch in Technologie und Naturwissenschaften spielt Optimierung eine zentrale Rolle und wird, nicht zuletzt angesichts ökologischer und gesellschaftlicher Krisen, zunehmend mit der Hoffnung verknüpft, Investitionen (etwa von natürlichen Rohstoffen) zu reduzieren und Verluste zu minimieren.

Optimierung ist aber auch zu einer Anforderung für marktferne Organisationen geworden und erstreckt sich bis in die Lebenswelt der Individuen hinein über fast alle Lebensbereiche und -phasen: Wichtiger geworden ist etwa die Förderung von Bildung und Entwicklung bereits ab dem frühen Kindesalter (→ Kindheit), um Heranwachsende möglichst optimal auf die zukünftige Arbeitswelt vorbereiten. Optimierungsanforderungen setzen sich dann im Berufsleben fort, wo nicht nur möglichst vielfältige Qualifikationen einzubringen, sondern permanent weitere Kompetenzen zu entwickeln sind. Es gilt, anpassungsbereit und leistungsfähig zu sein, Risiken präventiv auszuräumen (→ Prävention), überdies langfristig fit und gesund zu bleiben – und dies äußerlich auch zu repräsentieren. Aber auch soziale Beziehungen müssen zunehmend mit beruflichen Anforderungen in Einklang gebracht werden, insbesondere vor dem Hintergrund begrenzter zeitlicher Ressourcen (→ Zeit), was fortwährende Optimierung verlangt. Menschen stehen etwa vor der Herausforderung, das Elternwerden biografisch passend zu ‚timen‘ (→ Timing; Biografie), d.h. sozialen Ansprüche an Elternschaft gerecht zu werden (etwa durch berufliche und partnerschaftliche Stabilität), ohne zugleich das in biologischer Hinsicht bedeutsame Zeitfenster für Fortpflanzung zu verpassen. Für Eltern gilt es wiederum, berufliches Vorankommen und Familienleben zu vereinbaren.

Derartige Optimierungsbestrebungen gehen zurück auf einen Wandel von Arbeits- und Lebenswelten nach den politischen Umbrüchen der 1990er Jahre und wurden befeuert durch Globalisierung und Digitalisierung. Sie sind gleichzeitig verwoben mit kulturellen Leitvorstellungen des ‚guten Lebens‘ als eines, das an Autonomie und Selbstverwirklichung orientiert ist (→ Gutes Leben). Erfolg und Anerkennung, aber auch Wohlergehen und Zufriedenheit im Privaten werden zunehmend als Ergebnis einer gelungenen Lebensführung verstanden, für das jede und jeder selbst verantwortlich ist. Sich zu optimieren kann so in vielerlei Hinsicht subjektiv als erstrebenswert und nützlich erachtet, als sinnvoll und befriedigend erfahren werden. Ausbleibende Erfolge, Scheitern und Unzufriedenheit werden zugleich mehr und mehr auf mangelnden Willen oder eine unzureichende Optimierung zurückgeführt und können den Druck erhöhen, sich immer weiter zu verbessern.

Diese Dynamik gilt es zu berücksichtigen, wenn die Folgen von Steigerung in den Blick genommen werden. Nicht nur erscheint Optimierung prinzipiell unabschließbar – reicht es doch nicht, Fehler oder Makel auszubügeln. Vielmehr geht es darum, immerfort das Maximum aus sich herauszuholen, zumal es stets irgendwo irgendjemanden zu geben scheint, der schneller, besser oder effizienter ist. Die Angst, sich noch nicht hinreichend für sich selbst, für die eigene Leistung und den eigenen Erfolg engagiert zu haben, kann so Verbesserungsbestrebungen vorantreiben und zu Überforderung und Erschöpfung führen. Versuche der Effizienzsteigerung und Reduktion zeitlicher Ressourcen können zudem – auch da, wo sie augenscheinlich funktionieren – problematische Folgen für Sorgebeziehungen haben, dies zeigt sich nicht nur in Familien, sondern etwa auch im Gesundheits- und Sozialwesen. Und sie scheinen mit Verschiebungen von Werten und Prioritäten, von individuellen und kollektiven Sichtweisen auf Verletzlichkeit und Angewiesenheit verbunden. Die ‚Kosten‘ dieser Entwicklungen für die nachfolgende Generation und den Fortbestand der Gesellschaft werden dann womöglich nur mittelbar und erst im zeitlichen Verlauf sichtbar. Dies sollte in die Reflexion von Optimierungsbestrebungen einbezogen werden.