Prävention - Der Tanz mit der Zeit

Evelyn Kleinert

In der Medizin und im Bereich der öffentlichen Gesundheit (Public Health) ist Prävention der ambitionierte Versuch, die Zukunft zu gestalten, bevor sie zur Gegenwart wird. Es ist der Ansatz, Krankheiten den Wind aus den Segeln zu nehmen, noch bevor sie am Horizont erscheinen. Dabei agiert die Präventionsmedizin wie beim Schachspiel, wo Züge weit im Voraus geplant und potenzielle Gefahren antizipiert werden. Prävention operiert in einem Spannungsfeld zwischen dem Jetzt und einem imaginierten Später. In der Präventionsmedizin blickt man gewissermaßen durch ein Zeitfernrohr und versucht, die Konturen zukünftiger Gesundheitsrisiken zu erkennen. Dabei bewegt man sich auf einem schmalen Grat zwischen begründeter Vorsorge und übertriebener Sorge.

In diesem Tanz mit der Ungewissheit begegnen wir zwei Hauptakteuren: der Verhaltens- und der Verhältnisprävention. Die Verhaltensprävention richtet ihren Blick auf das Individuum und versucht, durch Aufklärung und Motivation gesundheitsförderliche Verhaltensweisen zu etablieren. Sie wirkt wie ein persönliches Training, das uns ermutigt, mehr Bewegung in unseren Alltag zu integrieren, auf Rauchen, Alkohol und Drogen zu verzichten oder unsere Ernährung umzustellen. Die Verhältnisprävention hingegen nimmt die Bühne selbst ins Visier - sie zielt darauf ab, die Lebensbedingungen und Umweltfaktoren so zu gestalten, dass sie der Gesundheit zuträglich sind. Sie gleicht der Architektur, die gesunde Arbeitsplätze entwirft, den Zuckergehalt in Lebensmitteln reguliert oder Gesetze für rauchfreie öffentliche Räume auf den Weg bringt. Darüber hinaus strebt die Verhältnisprävention danach, gesundheitliche Ungleichheiten in der Bevölkerung zu vermindern, indem sie Barrieren abbaut und Chancengleichheit im Zugang zu gesundheitsfördernden Ressourcen schafft (→ Ressourcenverteilung).

Ein anderer Ansatz in der Prävention ist das sogenannte Strukturmodell, wobei zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention unterschieden wird. Die primäre Prävention gleicht der Gartenarbeit, bei der der Boden bereitet und Samen gesät werden, bevor Unkraut Wurzeln schlagen kann. Sie zielt darauf ab, Krankheiten von vornherein zu verhindern, indem sie Risikofaktoren minimiert und gesunde Lebensweisen fördert. Die sekundäre Prävention ähnelt der Detektivarbeit, bei der nach ersten, kaum sichtbaren Spuren gesucht wird. Sie konzentriert sich auf die Früherkennung von Krankheiten, um sie im Keim zu ersticken. Die tertiäre Prävention schließlich ist wie eine Restaurierung, bei der bereits entstandene Schäden ausgebessert und weitere Verschlechterung verhindert werden. Sie richtet sich an Menschen mit bestehenden Erkrankungen, um Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität zu erhalten.

Doch in diesem präventiven Schauspiel lauert eine paradoxe Wendung: das Präventionsparadox. Bei nicht-übertragbaren Krankheiten lehrt es uns, dass Maßnahmen, die für die Gesamtbevölkerung einen großen Nutzen bringen, dem Einzelnen oft nur wenig spürbaren Vorteil verschaffen. Es ist, als würde man ein großes Netz auswerfen, um viele kleine Fische zu fangen, anstatt gezielt nach dem großen Fang zu angeln. Bei übertragbaren Krankheiten und besonders beim bevölkerungsbezogenen Impfschutz zeigt sich das Präventionsparadox in einer anderen Form: Erfolgreiche Impfprogramme (z.B. gegen Masern oder Tuberkulose) verlieren im Zeit-verlauf ihre Akzeptanz in der Bevölkerung und werden als weniger relevant wahrgenommen. Gerade der Erfolg der Programme trägt dazu bei, dass ihre Vorteile nicht mehr erkannt werden, weil niemand mehr die Krankheitsverläufe der so verhinderten Erkrankungen kennt. Dies kann zu einer gefährlichen Unterschätzung der Bedeutung von Impfungen und anderen präventiven Maßnahmen führen.

Prävention fordert uns heraus, unser Verhältnis zur Zeit neu zu denken. Sie verlangt von uns, heute zu handeln für ein Morgen, das möglicherweise nie eintritt. Es ist ein Tanz mit der Ungewissheit, bei dem wir lernen müssen, die richtige Balance zu finden zwischen sorgfältiger Planung und der Akzeptanz des Unvorhersehbaren. Dabei geht es nicht nur um individuelle Gesundheitsvorsorge, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Engagement für gesunde Lebensverhältnisse, auch und besonders für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen.