Spiritual Care

Mathilda von Lingen

„Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“, so lautet die bekannte Präambel der Konstitution der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1946/8. Diese Definition wurde viel kritisiert, u.a. weil sie suggeriert, dass Gesundheit ein herstellbares Ziel und Kriterium eines gelingenden Lebens sei. Dennoch schließen hier bis heute holistisch orientierte medizinische Behandlungsansätze an, bei denen Ganzheitlichkeit zu einer handlungsleitenden Kategorie wird. Die Person wird in ihrer Gesamtheit betrachtet – als körperliches und geistiges Wesen. Ihr wird mit Respekt und unter Achtung ihres individuellen Werts begegnet.

In den weiteren Kontext dieser holistischen Behandlungsansätze lässt sich Spiritual Care einordnen. Hinter diesem Begriff steht nicht etwa die englischsprachige Version der Krankenhausseelsorge, sondern ein interprofessionelles Konzept mit Ursprung in den USA, das vom Gesundheitswesen selbst ausging und auf die englische Hospizbewegung zurückgeht. Im Mittelpunkt von Spiritual Care stehen die Bedürfnisse und Ängste kranker Menschen. Im Rahmen einer medizinischen Behandlung können diverse Fragen aufkommen: Werde ich wieder gesund? Welche Risiken gehe ich mit der empfohlenen Therapie ein? Wie werden die Entscheidungen über meine Behandlung getroffen? Wer steht mir bei? Wie geht es meinen Angehörigen mit meiner Erkrankung? Muss ich meine Sorgen verdrängen, um niemanden zu belasten?

Gerade im Krankenhaus erleben Menschen sich und ihre Welt in extremer Weise reduziert. Ihr (Er-)Leben wird durch die Institution bestimmt, die Prioritäten werden neu sortiert, der Kontakt zur Außenwelt beläuft sich auf Ausnahmen. Dies kann dazu führen, dass das Gefühl eigener Individualität und Würde nur noch eingeschränkt erlebt wird. Unabhängig von Weltanschauung oder religiöser Einstellung kommt in schwerer Krankheit und am Lebensende häufig die Suche nach Sinn auf. Die Hoffnung, dass nach dem Tod noch etwas kommt, kann einer Person am Lebensende Kraft geben. Patient*innen mit Gottesglauben zweifeln in ihrer Krankheit viel-leicht an ihrem Gott oder aber fühlen sich in seinen Händen sicher geborgen. In einer pluralen Gesellschaft, die auch diverse Vorstellungen von einem guten Leben und einem guten Lebens-ende hervorbringt, kommt der spirituellen Begleitung eine immer wichtigere Rolle zu (→ Gutes Leben). Bei Patient*innen besteht vermehrt der Wunsch, mit dem medizinischen Personal über ihre spirituellen und existenziellen Bedürfnisse zu sprechen. Es stellt sich etwa die Frage, ob und wie unter den Umständen einer unheilbaren Krankheit oder des nahenden Todes Lebensqualität erreicht werden kann. Wie sieht ein gutes Leben aus, wenn klar ist, dass dieses in naher Zukunft endet?

Im Deutschen Ärzteblatt lesen wir 2023, dass die Berücksichtigung solcher Fragen und Bedürfnisse für ein Gesundheitssystem unabdingbar sei, das einen umfassenden Versorgungsauftrag ernst nehmen möchte. Denn zu Ganzheitlichkeit gehöre auch Spiritualität. Die weltanschaulichen Ressourcen der Patient*innen sollen bei der Bewältigung einer Krankheit und bei Fragen am Lebensende genutzt werden. Das Konzept Spiritual Care, dem heute auch in Deutschland vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird, sieht vor, dass das Krankenhauspersonal derartige Fragen und spirituelle Bedürfnisse von Patient*innen im Rahmen multiprofessioneller Teams in der Behandlung berücksichtigt. Wichtig ist in diesen Teams eine gute Kommunikation. Krankenhausseelsorger*innen können als Spezialist*innen für Spiritual Care zu Rate gezogen werden, doch auch in Spiritual Care fortgebildete Ärztinnen oder Pflegefachleute können die Ängste und Bedürfnisse der Patient*innen erfragen und diese in die Behandlung einbeziehen. Dafür kann es hilfreich sein, wenn sich das Personal zuvor auch mit den eigenen spirituellen Bedürfnissen auseinandersetzt. Im Rahmen von Spiritual Care bieten sie den Patient*innen in der Behandlung dann einen sicheren Rahmen, hören genau hin und nehmen wahr, was sie umtreibt. Es wird wahrgenommen, dass jede Person durch die eigene Biografie vorgeprägt ist. Persönliche Faktoren wie etwa Herkunft, Kultur, Geschlechteridentität oder Gewalterfahrungen prägen die Patient*innen in spiritueller Hinsicht, können aber auch mit Ängsten verknüpft sein, die vielleicht eine Genesung erschweren. Von ihrer Biografie, ihren Ängsten und Bedürfnissen zu erzählen (→ Narrativität), kann den Patient*innen helfen, eine Distanz zu bedrängenden Erlebnissen aufzubauen und innere Ressourcen zu finden, die bei der Krankheitsbewältigung helfen können. Dabei ist auch zu beachten, dass spirituelle Bedürfnisse selten stabil sind. Besonders in Krankheitssituationen können sie verloren gehen, aber auch neu er-schlossen werden. Eine sorgfältige Abklärung dieser Bedürfnisse und der Frage, ob sie in der Behandlung berücksichtigt werden sollen, hilft außerdem, die Autonomie der Patient*innen zu wahren. Zugleich kann der Austausch innerhalb eines multiprofessionellen Teams dabei helfen, zu verstehen, was die Patient*innen belastet, mit was sie sich überfordert fühlen und was ihnen Kraft gibt. So können Stressoren vermindert und die Resilienz gefördert werden. Durch klare Absprachen im Team kann den Patient*innen Unterstützung angeboten werden, ohne sie ihnen aufzudrängen. Zugleich kann so gelingen, dass wichtige Informationen bei dem wechselnden Personal präsent sind und nicht wiederholt kommuniziert werden müssen. Durch gute Kommunikation kann auch das Vertrauensverhältnis zwischen Patient*in und Personal gefördert werden.

In der deutschen Palliativversorgung wird Spiritual Care zunehmend etabliert. So hatte etwa das Modellprojekt „SpECi – Spirituelle Begleitung am Lebensende“ (2020-2024) zum Ziel, ein Curriculum für die Schulung von Fachkräften aus dem Gesundheitswesen zu entwickeln und zu erproben. Durch die Schulungen, die seit Ende des Modellprojekts 2024 von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin angeboten werden, sollen die Fachkräfte aus Medizin, Pflege und Therapie befähigt werden, das spirituelle bzw. existenzielle Befinden schwerstkranker und alter Menschen in der letzten Lebensphase besser wahrzunehmen und professionell zu begleiten. Bereits 2010 veröffentlichte die Gesellschaft für Palliativmedizin eine „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“, die diesen Menschen das „Recht auf eine umfassende medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Betreuung und Begleitung“ zuspricht, die der individuellen Lebenssituation gerecht wird. Die Palliativmedizin und die Hospizbewegung, die mit unheilbaren und fortgeschrittenen Krankheiten konfrontiert sind, versuchen nicht, Krankheit und Sterben zu beseitigen, sondern gehen über subjektive Erfahrungen der Frage nach, was Wohlergehen im Fall chronischer Krankheiten oder im Kontext des Sterbens bedeutet (→ Chronische Erkrankung; Sterben und Tod). Im Vordergrund stehen hier insbesondere das Dasein, Zuhören und Besprechen der Fragen, die die Person mit ihrer individuellen Biografie in ihrer aktuellen Situation beschäftigen. Was gibt ihr Kraft? Wie kann sie mit ihren Ängsten umgehen? Wünscht sie sich, dass nach dem Tod noch etwas kommt? Mit welchen Gefühlen blickt sie auf ihr Leben zurück? (→ Emotion(en)) In welchem Verhältnis steht sie zu ihren Angehörigen? Wie möchte sie Abschied nehmen? Das Ziel der Behandlung ist in der Palliativmedizin und im Hospiz das Wohlbefinden – die im Gesundheitssystem sonst etablierte Unterscheidung krank/gesund ist in diesen Bereichen nicht mehr leitend. Während sich die Palliativmedizin also zunehmend mit der Etablierung von Spiritual Care auseinandersetzt, stehen die spirituellen Bedürfnisse von Patient*innen in den früheren Phasen chronischer Krankheiten noch deutlich weniger im Fokus. Doch auch hier stellen sich existenzielle Fragen, die durch Spiritual Care konstruktiv begleitet werden könnten.