Sterben und Tod
Laura Mohacsi, Lena StangeSeit jeher existieren gesellschaftliche und individuelle Vorstellungen darüber, was ein „gutes Sterben“ und einen „guten Tod“ ausmacht. Ob eine Sterbephase den eigenen Vorstellungen entsprechend gestaltet werden kann, ist abhängig von den Entscheidungen der Sterbenden, ihrer Angehörigen und auch von Behandelnden. Professionelle Begleitung und Expertise können bedeutsam für die Gestaltung des Lebensendes sein. In der Rettungsmedizin und Palliativversorgung beispielsweise sind Behandelnde regelmäßig mit Lebens- und Behandlungssituationen und -entscheidungen konfrontiert, die ethische Fragen aufwerfen. Oft geht es dabei darum, gemeinsam mit Patient*innen und deren Angehörigen Lebensverlängerung und Lebensqualität gegeneinander abzuwägen. Behandelnde müssen nicht nur medizinisch angemessen handeln, sondern auch die Wünsche der involvierten Personen respektieren, so ihnen diese bekannt sind. Aber auch Angehörige spielen bei der Versorgung von Sterbenden eine wichtige Rolle. Gerade dann, wenn eine Person ihre Wünsche nicht mehr selbst äußern kann, sind Angehörige als Fürsprecher*innen gefragt oder treffen stellvertretende Entscheidungen. In solchen Entscheidungssituationen am Lebensende kann eine Patientenverfügung eine hilfreiche Orientierung für Angehörige und Behandelnde sein (→ Vorausverfügung).
Der Umgang mit Sterben und Tod hat sich in modernen westlichen Gesellschaften deutlich gewandelt. Während er bis vor einigen Jahrzehnten stärker von religiösen oder spirituellen Überzeugungen geprägt war, beispielsweise das Sterben als Übergangsprozess in eine andere Existenzform oder den Tod als Ereignis vor einer Wiedergeburt betrachtend, zeigt sich heute eine zunehmende Tendenz zu einer rationaleren und individualistischeren Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens. So wird der Tod heute eher als endgültiger Zustand betrachtet, während das Sterben eine zum Leben gehörige Phase darstellt. Im Zuge gesellschaftlicher Säkularisierungs- und Rationalisierungsprozesse verloren religiöse Deutungsmuster und auch Rituale zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig kam es zu einer Professionalisierung der Medizin und das Sterben verlagerte sich aus dem familiären Umfeld heraus in Krankenhäuser. Das Sterben in medizinischen Einrichtungen empfanden viele Menschen als unpersönlich und unwürdig.
Als Reaktion darauf haben sich seit den 1960er Jahren zunächst in Großbritannien und später international die Hospiz- und die Palliativbewegung etabliert. Sie setzen einem eher rationalisierten medizinischen Umgang mit dem Sterben einen ganzheitlichen Ansatz entgegen. Hospize und palliative Versorgungsstrukturen fokussieren auf Lebensqualität und integrieren neben der medizinischen Versorgung auch psychosoziale, spirituelle und kulturelle Bedürfnisse Sterbender und ihrer Angehörigen (→ Spiritual Care). So konnten Schmerzlinderung und Symptomkontrolle insgesamt verbessert und die Wünsche und Bedürfnisse von Betroffenen in den Mittelpunkt gerückt werden. Dies hat dazu beigetragen, dass die Selbstbestimmung Sterbender mehr geachtet wird.
Sterben sollte in diesem Sinne als ein Teil eines guten Lebens verstanden werden können (→ Gutes Leben). Insbesondere medizinische Entscheidungen sollten gemäß den Vorstellungen und Wünschen der Patient*innen getroffen werden, um das Sterben so weit wie möglich selbst-bestimmt gestalten zu können. Um selbstbestimmt sterben zu können, ist es aber auch notwendig, sich rechtzeitig mit dem eigenen Lebensende zu befassen. Die Auseinandersetzung mit dem Lebensende wird für viele Menschen jedoch als herausfordernd oder gar als etwas zu Vermeidendes angesehen. Diese Vermeidungshaltung kann dazu führen, dass wichtige Gespräche über
Wünsche für das Sterben oder den Tod zu spät oder gar nicht stattfinden, wodurch die Möglichkeit selbstbestimmter Entscheidungen verloren geht. Eine frühzeitige und offene Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen für das Lebensende kann hingegen nicht nur eigene Ängste reduzieren, sondern auch den Angehörigen in schwierigen Situationen Orientierung und Entlastung bieten. Zudem kann eine solche, im Idealfall frühzeitige, Auseinandersetzung das Bewusstsein für die Bedeutung von Lebensqualität, Lebenszeit (→ Zeit) und Sterbebegleitung schärfen.