Timing

Aaron Thiesen

Timing ist ein zweischneidiges – nicht unbedingt Schwert, aber vielleicht Werkzeug. Mit seiner nützlichen Seite versucht sich der Mensch der Gegenwart einen eigenen Weg zu bahnen durch das Dickicht an Terminen, Fristen, Verabredungen, Verpflichtungen, die für jeden Einzelnen aus den unterschiedlichsten Ecken ranken: Erwartungen aus Familie, Freundeskreis, das soziale oder politische Engagement, die Zeit für sich – gerne mal missverstanden als Zeit zur Optimierung des Selbst – und nicht zuletzt die zeitlichen Anforderungen des Arbeitslebens.

Timing als ein Suchen und Bahnen eines Wegs ist also Teil dessen, was es heißt, heutzutage ein gutes Leben in der Zeit zu führen (→ Gutes Leben). Timing und das Führen eines guten Lebens ist ein aktives Selbstgestalten. Selbst im eigenen Leben zu entscheiden, wann der Weg welche Abzweigung nimmt und was dann geschieht, ist eine Idealvorstellung oder ein Wert, der auf breite Zustimmung vertrauen kann. In aller Kürze lässt er sich als Zeitsouveränität bezeichnen.

Technische und gesellschaftliche Entwicklungen ermöglichen an unterschiedlichsten Stellen im Leben heute eine größere Zeitsouveränität als noch vor einigen Jahrzehnten. Ein intuitives Beispiel ist das Home-Office. In immer mehr ‚Büro-Jobs‘ ist es seit der durch die Pandemie beschleunigten Digitalisierung zumindest teilweise möglich geworden. Pendelzeiten bleiben erspart und verschiedene kleinere Haushaltstätigkeiten lassen sich in Leerlauf- oder Pausenzeiten unterbringen, also gut Timen.

Aber auch bei den Entscheidungen, die die Biografie nachhaltiger prägen als die Frage, wann wir endlich die Wäsche machen (können), haben sich technische Möglichkeiten und gesellschaftliche Normen verändert. Eine der großen Entscheidungen im mittleren Lebensalter ist die der Fortpflanzung. Eltern-Werden ist zunehmend eine Frage des Wollens und nicht mehr zwangsläufiges Ergebnis einer Reihe von Übergängen in das Erwachsenenleben (Ausbildung, Beruf, feste Beziehung, Hochzeit und da Kind). Wenn die grundsätzliche Frage des ‚Ob‘, trotz der Unsicherheiten und Ängste, die mit einer so einschneidenden Veränderung einhergehen, grundsätzlich mit ‚Ja‘ beantwortet wird, ist das Eltern-Werden mit großen Hoffnungen verbunden und als Weg zur Elternschaft ist es ein Weg des Hoffens auf etwas, das nicht vollständig kontrollierbar ist. Eine Erfahrung von Unverfügbarkeit kann entstehen, wenn man nach der Entscheidung für das Eltern-Werden-Wollen versucht, den Kinderwunsch zu timen. Insbesondere für Frauen stellen sich nach wie vor biografische Vereinbarkeitsdilemmata und der Wunsch nach einer guten und sicheren Partnerschaft sowie ein Job mit ähnlichen Qualitäten werden oft als Voraussetzung für das Eltern-Werden empfunden, sodass der Kinderwunsch zunehmend aufgeschoben wird. Aber auch, wenn Paare schließlich versuchen ihren Kinderwunsch jetzt zu erfüllen, kann mit zunehmendem Alter die leibliche Bedingtheit einem optimalen Timing im Wege stehen (→ Jetzt; Altern). Am sogenannten ‚Reproduktiven Timing‘ werden dabei neuere Herausforderungen für ein gutes Leben in der Zeit deutlich. Angesichts von scheinbarer Zeitsouveränität steigen implizite Erwartungen, wie das eigene Reproduktive Timing gut zu gestalten ist und welche Voraussetzungen erfüllt sein sollten.

Die Reproduktionsmedizin scheint auf diese Herausforderungen zu antworten. Dabei steht der weibliche Körper deutlich im Fokus der Behandlungsaufmerksamkeit. So werden die technisch assistierten (‚künstlichen‘) Befruchtungen angeboten, wenn der Kinderwunsch sich nicht ‚natürlich‘ erfüllt. Die abnehmende weibliche Fertilität ab etwa 35 ist für das Reproduktive Timing wichtig. Eingeschränkte männliche Fertilität ist auch ein häufiger Grund für unerfüllte Kinderwünsche, in den meisten Fällen sind jedoch andere Gründe relevanter als das biologische Alter.

Seit Anfang der 2010er Jahre erfährt auch das sogenannte ‚Social Freezing‘ als vorsorgliche Lösung für Herausforderungen des Reproduktiven Timings viel Aufmerksamkeit. Damit verschiebt sich die Frage zu: Wann ist der richtige Zeitpunkt für ‚Social Freezing‘?

Die Frage nach dem Eltern-Werden macht deutlich, dass neben Timing zu einem guten Leben in der Zeit auch eine Offenheit für Kairos als den glücklichen Moment und die Gelegenheit für die glücklich machende Entscheidung gehört. Ein durch technische Möglichkeiten hochgerüstetes Timing birgt die Gefahr, immer energischer zu versuchen, den für sich ausgemachten und geplanten zeitlichen Pfad zu bahnen und sich dabei nicht nur völlig zu verausgaben, sondern sich metaphorisch mit der zugewandten Schneide im verbissenen Kampf durch das Dickicht selbst zu schaden.