Unzeitigkeit
Matthias RoseUnzeitigkeit ist ein seltsames Wort. Es klingt widersprüchlich – als ob die Zeit selbst aus dem Takt gerät: Unzeitigkeit beschreibt ein Gefühl, nicht in der Zeit zu stehen, die einem zugedacht ist. Es ist, als liefe das eigene Leben in einem anderen Rhythmus als der Rest der Welt.
Wir kennen dieses Gefühl aus biographischen Grenzerfahrungen: wenn ein Kind eine in-fauste Diagnose erhält, wenn jemand mitten im Berufsleben plötzlich pflegebedürftig wird oder wenn der Tod überraschend früh nahe kommt (→ Sterben und Tod). In allen Post-Intensiv-Care-Ambulanzen ist dies eines der zentralen Themen. Solche Ereignisse durchkreuzen die implizite Erzählung, dass das Leben einem linearen Plan folgt – Kindheit, Ausbildung, Beruf, Familie, Alter, Tod. In dem Moment, in dem dieser Plan zerreißt, entsteht Unzeitigkeit. Man fällt aus der geteilten Zeit, die einen mit anderen verbindet, und findet sich in einer Art Parallelwelt wieder.
Medizin kann solche Brüche nicht nur modulieren, sondern auch evozieren. Sie hat die Fähigkeit, Zeit zu verdichten und zu dehnen. Sie entdeckt Krankheitsrisiken, bevor sie klinisch sichtbar werden, und eröffnet einen neuen, vorverlagerten Zeithorizont. Menschen mit genetischen Risikofaktoren leben oft jahrelang mit dem Wissen, dass etwas in ihrem Körper lauert, das vielleicht eines Tages ausbricht. Sie werden zu „Prä-Patienten“, ihr Leben wird von Vorsorgeempfehlungen strukturiert. Zeit wird zur verbleibenden Zeit, verliert ihre Unbedachtheit – sie wird ein Gut, das verwaltet, geplant, überwacht werden muss.
Unzeitigkeit kann aber auch weniger biologisch imponieren: als das Gefühl, zu spät oder zu früh dran zu sein. Die Pubertät, die sich nicht einstellen will; oder zu früh, der Kinderwunsch, der biologisch „zu spät“ kommt (→ Timing); das Gefühl, dass die eigene Jugend „zu schnell“ vergangen ist oder der Ruhestand „zu früh“ beginnt. In all diesen Momenten spüren wir, dass unser Leben nicht mit dem von uns oder anderen erwarteten Takt übereinstimmt. Das macht Unzeitigkeit zu einem zutiefst sozialen Phänomen und ist eng mit dem Gefühl des Normalen verknüpft (→ Gutes Leben).
So gesehen steckt darin eine existentielle Erfahrung. Zeit ist nicht nur ein metrisches Maß, das sich aus den Schwingungen der Cäsium Atome an der Physikalisch Technischen Bundesanstalt ergibt und für uns Deutsche seit 1969 den gesetzlich fixierten Takt vorgibt („Einh-ZeitG“). Zeit ist ein gelebtes Erleben, sie hat eine subjektive Qualität. Wer unzeitig lebt, erlebt eine Verschiebung dieser subjektiven Zeit: Die Zukunft kann bedrohlich nahe rücken oder unendlich weit entfernt scheinen, die Gegenwart stillstehen oder rasen. Medizinische Diagnosen, wie im Fall von Rudolf von Waldenfels (→ Biografie), können dieses Zeitgefühl abrupt verändern – der Blick in den Abgrund des Todes lässt den Horizont schrumpfen, selbst wenn die Prognose sich später bessert.
Doch Unzeitigkeit ist nicht nur Bedrohung. Sie kann auch Vision bedeuten. König Friedrich II. galt als „seiner Zeit voraus“, ebenso wie Simone de Beauvoir, „Vordenkerin“ des Feminismus. „Unpünktlichkeit“ kann Widerstand in der Psychoanalyse sein, respektlos oder auch ein Versuch, sich dem Zeitdruck zu entziehen, den die Gesellschaft uns auferlegt. Wer sich gegen die Beschleunigung der Arbeitswelt stellt oder beschließt, die „Zeit an sich vorbeiziehen“ zu lassen, stellt sich außerhalb des Mainstreams. Hier wird Unzeitigkeit zu einem Akt der Selbstbehauptung, zu einer Kritik an der Taktung des Lebens nach ökonomischen oder sozialen Normen.
In einer Welt, die immer stärker durch Kalender und Deadlines bestimmt ist, bekommt Unzeitigkeit damit eine doppelte Bedeutung. Sie kann uns als Krise treffen – wenn der eigene Lebensplan kollabiert – oder als Chance dienen, einen eigenen Rhythmus zu finden. In beiden Fällen zwingt sie uns, unser Verhältnis zur Zeit neu zu denken: Was heißt ein „zeitgemäßes“ Leben? Wer bestimmt, wann etwas zu früh oder zu spät ist?
Unzeitigkeit ist also weniger ein Defizit als eine Einladung. Sie fordert uns heraus, unsere Zeitmaßstäbe zu reflektieren und unsere eigene Zeitlichkeit zu gestalten. Sie erinnert uns daran, dass das Leben nicht immer synchron mit den Erwartungen verlaufen muss – und dass darin auch eine Quelle von Unabhängigkeit oder Freiheit liegen kann.