Vorausverfügung
Lena StangeEine Vorausverfügung ist ein Dokument, in dem Festlegungen für zukünftige Situationen getroffen werden können, in denen jemand nicht in der Lage ist, selbst zu entscheiden. In Bezug auf die gesundheitliche Versorgung und etwaige zukünftige Entscheidungen ist die bekannteste Vorausverfügung wohl die Patientenverfügung. Viele Menschen assoziieren mit einer Patientenverfügung die Möglichkeit, beispielsweise zu verhindern, ‚an Schläuchen zu hängen‘.
Im Horizont medizinischer Fortschritte und neuer Behandlungsmöglichkeiten gewinnt die Frage nach der eigenen gegenwärtigen und zukünftigen Gesundheitsversorgung und den damit verbundenen Entscheidungen für viele Menschen zunehmend an Bedeutung. Eine Patientenverfügung ermöglicht es volljährigen Bürgerinnen und Bürgern, im Voraus festzulegen, welche medizinischen Maßnahmen sie im Falle einer schweren Erkrankung oder eines Unfalls wünschen oder ablehnen. Diese Entscheidungen können von der Behandlungsart bis hin zu spezifischen Eingriffen reichen, die in einer kritischen Situation möglicherweise notwendig werden. Selbst über das eigene Schicksal bestimmen zu können, gibt vielen Menschen ein Gefühl der Kontrolle und Sicherheit. Sofern damit nicht Dritte über die eigene medizinische Versorgung bestimmen, ist dies zudem ein wichtiger Aspekt der Autonomie.
Diese Autonomie in Bezug auf die Gestaltung des eigenen späteren Lebens – für eine Situation, in der man selbst nicht mehr entscheiden kann – bedeutet, selbstbestimmt Entscheidungen und Festlegungen zu treffen, die auf den eigenen, höchst individuellen Vorstellungen von Gesundheit, Lebensqualität und einem guten Leben fußen (→ Gutes Leben). Diese Vorstellungen können sich im Laufe der Zeit verändern, beispielsweise durch eigene Krankheitserfahrungen, medizinische Eingriffe bei Angehörigen oder das Miterleben eines lebensverändernden Unfalls.
Vor dem Hintergrund verschiedenster Unwägbarkeiten des Lebens, beispielsweise einer plötzlichen Erkrankung, kann das Erstellen einer Patientenverfügung einen Anlass darstellen, eigene Vorstellungen eines guten Lebens zu reflektieren und mit Nahestehenden über Wünsche und Ängste im Zusammenhang mit dem Lebensende zu sprechen. Und ebenso machen Unwägbarkeiten es erforderlich, Patientenverfügungen regelmäßig zu überprüfen und anzupassen, um sicherzustellen, dass sie den aktuellen Werten und Wünschen der verfügenden Person entsprechen.
Patientenverfügungen können aber auch an Grenzen stoßen. Die festgehaltenen Entscheidungen können zum Beispiel unklar oder gar widersprüchlich sein. Eine Formulierung wie ‚nicht an Schläuchen hängen‘ zu wollen ist ein Beispiel für einen unklar formulierten Wunsch der, je nach der individuellen Absicht einer solchen Äußerung, vielleicht die Ablehnung einer dauerhaften künstlichen Beatmung, aber vielleicht auch die einer vorübergehende Flüssigkeitsgabe über eine Infusion bedeuten kann. Behandelnde und Angehörige stehen dann vor der Herausforderung, die Wünsche der Patientin oder des Patienten herauszufinden, was in emotional ohnehin belastenden Situationen zu Konflikten führen kann (→ Emotion(en)). Das macht es besonders wichtig, Vorausverfügungen sehr klar und gegebenenfalls zum Beispiel in Rücksprache mit dem Hausarzt oder der Hausärztin zu formulieren, um medizinische Unsicherheiten auszuräumen. Zusammen mit Gesprächen mit nahestehenden Personen über die eigenen Vorstellungen und Wünsche kann auf diese Weise einer Fehlinterpretation der verfügten Entscheidungen vorgebeugt werden.
Patientenverfügungen sind, genauso wie Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen, rechtliche Dokumente und Instrumente der Selbstbestimmung. Sie bieten die Möglichkeit, die eigene Stimme in kritischen Lebenssituationen zu bewahren und Entscheidungen im Voraus zu treffen. Letztlich geht es bei Vorausverfügungen darum, die Wünsche der Verfügenden zu respektieren und sicherzustellen, dass Bürgerinnen und Bürger in Übereinstimmung mit ihren Werten und Überzeugungen leben können und behandelt werden.