Wohlergehen

Holmer Steinfath

Im Alltag fragen wir „Wie geht es Dir?“ und erwarten im positiven Fall als Antwort „Mir geht es gut!“. Die Antwort „Mir ergeht es wohl!“ klingt dagegen leicht gekünstelt. Auch die Rede vom „Wohlergehen“ scheint mir keinen ganz festen Sitz in unserer Alltagssprache zu haben. Am ehesten reden wir von „Wohlergehen“ oder auch „Wohlbefinden“, wenn wir sagen wollen, dass es einer Person rundum – körperlich, seelisch und sozial – gutgeht. Das englische Äquivalent zu „Wohlergehen“ ist „well-being“, und dass dieser Ausdruck geläufiger ist, zeigt jeder Blick in die Selbsthilfe-Abteilung englischsprachiger Buchläden. Da kann man selbst et-was zu „financial well-being“ und „career well-being“ finden!

Ähnlich wie in Debatten zum guten Leben (→ Gutes Leben) versuchen philosophische Arbeiten, zum Wohlergehen in der Regel zwei Gesichtspunkten Rechnung zu tragen, die vielleicht gar nicht immer zusammenpassen. Einerseits geht es beim Wohlergehen einer Person um deren Leben; es soll ihr gut ergehen. Ein Mensch mag Großartiges leisten; er mag wichtig für die anderen oder die Gesellschaft sein. Viele mögen ihn bewundern. Und doch kann es ihm selbst dabei elendig gehen. Wohlergehen ist also eminent relativ auf eine Person (oder ggf. auch auf eine Gruppe, eine Möglichkeit, die hier ausgespart werden muss). Andererseits können wir zögern, die Beantwortung der Frage, ob es einer Person wirklich gut geht, ohne Weiteres allein ihr selbst zu überlassen. Was ist, wenn jemand sich mit und in seinem Leben wohlfühlt, weil er fälschlicherweise glaubt, von anderen geliebt und geschätzt zu werden? So etwas kennt jeder: Jemand ist glücklich in der Partnerschaft, wird aber hinter seinem Rücken von dem Partner oder der Partnerin betrogen. Was sollen wir in so einem Fall sagen?

Im Rückblick kann die betrogene Person schulterzuckend konstatieren: „Mein Partner war ein Schuft, aber immerhin hatten wir eine tolle Zeit!“. Für eine weniger robuste Person kann da-gegen eine Welt zusammenbrechen. Ihr vergangenes Glück wird ihr wie Hohn vorkommen. In der Philosophie wird auf das Betrugsszenario meistens so reagiert, dass zugestanden wird, dass die betrogene Person früher glücklich war, dass dieses auf einem Schein beruhende Glück aber noch nicht echtes Wohlergehen sei. Zum Wohlergehen, so die Idee, gehöre beides: dass sich die Person gut fühlt und dass sie sich über wesentliche Belange ihres Lebens nicht täuscht. Was muss dann aber zum Sich-Wohlfühlen hinzukommen? Manche sagen „Autonomie“, andere „Authentizität“, wieder andere die Verwirklichung bestimmter Fähigkeiten oder auch die Realisierung von Werten.

Ist das wichtig? Ja, denn es geht nicht nur um gelungene oder verkorkste Partnerschaften. Wie steht es zum Beispiel um das Wohlergehen von Frauen in ausgeprägt patriarchalen Gesellschaften? Kann es einer Frau gutgehen, die ohne Murren ihrem Mann dient und nichts anderes kennt als die Sorge um Haushalt und Familie? Genügt für ihr Wohlergehen, dass sie sich fraglos in ihre Rolle findet, vielleicht sogar zufrieden mit ihr ist? Genügt es auch, wenn ihr wichtige Informationen und Optionen vorenthalten wurden und sie deswegen nie die Chance hatte, ein anderes Leben zu führen? Ähnliche Schwierigkeiten können sich in der Medizin stellen. Man denke etwa an das Verhältnis von Fürsorge und Autonomie. Ist die Selbstbestimmung von Patient:innen ein Teil ihres Wohlbefindens oder ein Prinzip, das es selbst dann zu achten gilt, wenn es das Wohl gefährdet?