X-Ray
Man wisse nicht, ob man ein Fotoatelier, eine Dunkelkammer oder eine Hexenküche betrete, heißt es in jenem denkwürdigen Kapitel von Thomas Manns Roman Der Zauberberg, das im „Durchleuchtungslaboratorium“ der fiktiven Davoser Lungenheilanstalt Berghof spielt, in der Hans Castorp seinen an Tuberkulose erkrankten Vetter besucht. Einbestellt aufgrund hartnäckig erhöhter Temperatur, hat sich der junge Hamburger Ingenieur hier einer neuartigen apparativen Untersuchung zu unterziehen, deren physikalische Grundlagen Wilhelm Conrad Röntgen erst wenige Jahre zuvor entdeckt hatte. Seine geplante „Innenaufnahme“ ist Castorp denn auch keineswegs ganz geheuer, die Apparatur knattert und blitzt und zischt gewaltig, und er ist hinterher erleichtert, die Prozedur unversehrt überstanden zu haben.
Das Resultat mutet freilich zunächst ernüchternd an. Gemessen an Hans Castorps ehrfürchtiger Scheu, unerlaubt Einblick in eine Sphäre zu nehmen, die dem menschlichen Auge bis da-hin stets verschlossen geblieben war, sozusagen in das Betriebsgeheimnis des Lebens selbst, erscheint der auf dem fluoreszierenden Schirm gebotene Anblick im Grunde banal und nichts-sagend. Wie der Blick der ersten Kosmonauten in den Weltraum nirgendwo den lieben Gott zu erspähen vermochte, sondern nur mehr endlose Leere, ist auch hier nichts Wesentliches zu sehen. Das Innere erweist sich als durchaus äußerlich. Der vollständig durchschaute Mensch birgt kein Geheimnis. Tatsächlich tragen die Bewohner des Berghofs Abzüge ihrer radiographischen „Portraits“ wie Souvenirs in der Brieftasche mit sich herum und tauschen sich zur morbide-frivolen Unterhaltung darüber aus.
Von einer anderen Seite betrachtet gewinnt der Vorgang jedoch allemal eine gewisse Faszinationskraft. Denn der Blick ins Innere ist zugleich ein Blick in die Zukunft: Er vermag in den Tiefen des Körpers leise und verborgen ablaufende Vorgänge aufzudecken, die sich an der Oberfläche – für die Betroffenen selbst und ihr Umfeld – durch keinerlei äußere Anzeichen bemerkbar machen. Eine Krankheit, die es in ihrer Erfahrungswelt überhaupt noch nicht gibt. Entsprechend fühlt sich Hans Castorp beim Anblick seiner Innenaufnahme auch an eine entfernte Vorfahrin erinnert, der seherische Fähigkeiten nachgesagt wurden. Bis heute dient Bildgebung nicht nur der Diagnose, sondern auch der Prädiktion, Früherkennung und Prognose. Sie zeigt den beginnenden Schwund in der Großhirnrinde, der sich früher oder später in Form zunehmender Vergesslichkeit bemerkbar machen (→ Demenz), den winzigen Tumor in den Eingeweiden, der sich zur lebensbedrohlichen Krebserkrankung auswachsen kann, oder, in Castorps Fall eben: die „feuchten Stellen“ in der Lunge, die ihn von einem vorübergehenden Gast in einen dauerhaften Bewohner des Berghofs verwandeln werden.
Natürlich bleiben alle diese Zukünfte letztlich vage und spekulativ: ängstlich erahnte, schätzungsweise vermutete oder logisch erschlossene Szenarien, die man in ein noch laufendes und damit auch in viele Richtungen bewegliches und beeinflussbares Geschehen hineinprojiziert. Darüber hinaus gibt die Röntgenaufnahme Hans Castorp allerdings auch noch wie in einem unheimlichen Zeitraffer unversehens das Bild einer bereits ein für alle Mal unverrückbar fest-stehenden Zukunft: Als nähme die technische Apparatur den unaufhaltsamen Prozess des Ver-falls, der Verwesung und Zersetzung alles Lebendigen schon einmal optisch vorweg, erblickt er durch die schemenhaft verschwebenden Schichten und Lagen der Gewebe und Organe hindurch sein eigenes, in der Dunkelheit leuchtendes Skelett. So gerät der technisch vermittelte Blick in die Zukunft schließlich gewissermaßen zum Blick in die Gruft. Er durchdringt den Schleier des in Philosophie und Christentum seit jeher als heikel, trügerisch und in jedem Sinne verderblich beargwöhnten Fleisches und enthüllt dem jungen Mann so, was letzten Endes einmal von ihm übrigbleiben wird. Die Radiographie zeigt ein Vanitasmotiv, ihre entscheidende Botschaft ist ein Memento mori: Angesichts des geisterhaften Knochengerippes, das still und heimlich in seinem Körperinneren haust, begreift Hans Castorp zum ersten Mal in seinem Leben wahrhaftig, dass er sterben wird (→ Sterben und Tod).