Zeit
Holmer SteinfathDie Zeit ist ein Rätsel. Es gibt kaum ein Buch über die Zeit, in dem nicht der spätantike Philosoph und Kirchenvater Augustinus zitiert wird: „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand da-nach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Rätsel faszinieren, aber Zeit fasziniert auch, weil über sie nachzudenken immer auch heißt, über uns selbst nachzudenken. Manche gehen so weit zu behaupten, dass wir selbst die Zeit sind und sie nichts ist ohne uns. Wie kann man auf so eine Idee, die sich schon bei Augustinus abzeichnet, kommen?
Ich sitze jetzt am Laptop (→ Jetzt) und versuche, einmal etwas lockerer als sonst über die Zeit zu schreiben (funktioniert natürlich nicht). Aber glücklicherweise bin ich nicht ein Bewusstsein, das jetzt auftaucht, um im nächsten Moment schon wieder verschwunden zu sein. Die Zeit zerfällt für mich nicht in unverbundene Jetzt-Punkte: und dann und dann und dann. Täte sie es, wäre ich kein Subjekt, das gestern das eine gemacht hat und morgen etwas anderes tun wird. Vielmehr gehen in die Gegenwart meines schreibenden Ichs all die Geschehnisse ein, die mich geprägt haben und mir teilweise im Gedächtnis geblieben sind. Ich könnte mir jetzt keine Gedanken über die Zeit machen – zumindest nicht diese –, hätte ich nicht vor ein paar Jahren Augustinus gelesen, ja, hätte ich nicht viel früher mit dem Lesen angefangen, bestimmte Erfahrungen gemacht usw. Ich bin, was ich geworden bin, und zwar nicht auf einen Schlag, sondern im Laufe einer jahrzehntelangen Entwicklung, die mein bisheriges Leben ist (→ Biografie). Zugleich antizipiere ich in jedem Moment, was als Nächstes kommen mag. Ich muss ja wissen, wie der angefangene Satz weitergehen soll, wie sich das Geschriebene in das Glossar unserer Forschungsgruppe fügen könnte, wie es mit der Gruppe weitergehen wird usw. Auch diese Ausgriffe in die Zukunft bestimmen, wer ich bin. Und mit jedem weiteren Schritt, den ich tue, mit jedem Gedanken und jeder Empfindung knüpfe ich das Band zwischen Vergangenheit und Zukunft aus einer je anderen Gegenwartssituation heraus neu. In diesem Sinn mache ich die Zeit und macht die Zeit mich. Zerfiele mein Webwerk, würde nicht nur die Zeit für mich zersplittern, wie es Menschen mit einer bipolaren Störung manchmal be-richten und es in der Demenz auftreten kann, wo Ereignisse nicht mehr in eine zeitliche Ordnung gebracht werden können. Zersplittern würde vielmehr auch ich selbst. Wer nichts mehr erinnert und nichts zu antizipieren vermag, ist nicht mehr „jemand“, jedenfalls nicht für ihn oder sie selbst.
Wie kommt es dann aber, dass wir uns auch danach sehnen können, ganz in der Gegenwart aufzugehen, ja selbst danach, dass die Zeit stillsteht? Zeit ist Leben (oder genauer: die Ordnung der Ereignisse, die das Leben ausmachen). Zeit ist aber auch Leiden (oder genauer: das Leiden am Vergehen der Ereignisse, die das Leben bedeutsam machen). Das ist die Lehre des Buddha. Und für viele ist dies die Erfahrung des Älterwerdens (→ Altern) und der damit einhergehenden Verluste. Die Marschallin in Richard Strauss’ Der Rosenkavalier singt: „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding./ Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts./ Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie:/ sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie,/ in meinen Schläfen fließt sie./ Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder./ Lautlos wie eine Sanduhr.“ Das ist die Klage darüber, dass alles, woran uns liegt, vorübergeht – und mit ihm unser Leben und wir selbst. So betrachtet, ist Zeit beides: der Bogen, der vergangene, gegenwärtige und zukünftige Ereignisse in der Perspektive eines Subjekts zusammenhält, und die Erosion, die allem Zeitlichen den Stempel der Vergänglichkeit aufdrückt.
Für uns Menschen – die „Sterblichen“, die „Tageswesen“ (Pindar) – erwächst daraus eine doppelte Aufgabe: wir müssen unserem Leben einen Zusammenhang in der Zeit (und damit ein eigenes zeitliches Gepräge, auch einen eigenen Rhythmus) geben und dennoch akzeptieren, vielleicht sogar begrüßen, dass wir „das Zeitliche segnen“ müssen und nichts so bleibt, wie es ist (→ Sterben und Tod).