Viele gute Leben? Televisuelle Verhandlungen von Generativität und Diversität im Kontext von Medizin, Zeitlichkeit und gutem Leben

Fokussierte das Teilprojekt (TP 2) in der ersten Förderperiode die allgemeinen Aspekte der Wechselwirkung medizinischer Innovationen und Vorstellungen eines guten Lebens in der Zeit, so zielt das Teilprojekt in der zweiten Förderperiode (TP-B) darauf ab, die (möglichen) (inter)generationellen und sozialen Differenzen sowie die sich daraus ergebenden multiplen Zeitlichkeiten diesbezüglicher Vorstellungen und Narrative zu untersuchen.

Filme, Serien und Dokumentationen gehen als beispielhafte, symbolisch verdichtete Erzählungen über individuelle Fallgeschichten hinaus: Um ein breites Publikum zu adressieren, müssen die dargestellten Einzelschicksale von allgemeiner Bedeutung, Relevanz und Aussagekraft sein. Massenmedien haben so einen enormen Einfluss auf unsere Vorstellungen eines guten Lebens in der Zeit. Film, Fernsehen und Streaming-Plattformen erhalten dadurch einen Leit- und Vorbildcharakter. Als Vermittlungsinstanzen zwischen individuellen und sozialen, also intersubjektiv geteilten Vorstellungen guten Lebens im Horizont moderner Medizin übernehmen sie zudem Normalisierungsfunktionen.

Überindividuelle Dimensionen von Vorstellungen guten Lebens in der Zeit sind auch auf inhaltlicher Ebene der filmischen Texte relevant. Aus der ersten Laufzeit heraus haben sich zwei zentrale, eng miteinander verzahnte Fragebereiche als dringende Desiderate für die Ausrichtung in der zweiten Laufzeit ergeben: 1. die Frage der (inter-)generationellen Übereinkunft, Weitergabe (TP-A, Philosophie) und (Dis-)Kontinuität (ZIP, Medizinethik) von medizinisch fundierten und evozierten Zeitlichkeitserfahrungen sowie -erwartungen an ein gelingendes Leben, und 2. die Frage nach dem Verhältnis von sozialer (Aus-)Differenzierung und Zeitlichkeitserfahrung bezogen auf diversity-Aspekte wie class, race und gender. Von besonderem Interesse für das Teilprojekt ist dabei das medial-narrative Zusammenspiel von Generativität und Diversität.

Generativität und Diversität stehen dabei – so unsere Grundannahme – als überindividuelle Dimensionen guten Lebens in einem Spannungsverhältnis mit nicht selten heteronormativen Implikationen. Aus der Zeitlichkeitsperspektive lassen sich intergenerationelle Verhältnisse als historisch-vertikale Formen gesellschaftlicher Differenzierung begreifen (mit Blick auf das Frühere/Vorhergehende und das Zukünftige/Nachfolgende), während sich Diversität in erster Linie auf Formen der horizontalen (gegenwärtigen/gleichzeitigen) sozialen Differenzierung bezieht.

Da das Teilprojekt danach fragt, wie sich die drei Praxisfelder der FOR unter Generativitäts-, Diversitäts- und Narrativitätsgesichtspunkten im Sinne einer popularisierten Medizin(-ethik) darstellen, steht es in thematischer Hinsicht im engen Austausch mit TP-C (Psychokardiologie), TP-D (Ethik der Reproduktionsmedizin), TP-E (Allgemeinmedizin) und TP-F (Ethik der Altersmedizin); in methodischer Hinsicht ist das TP durch die Ausrichtung auf (Krankheits-)Narrative unmittelbar mit TP-C und TP-D verknüpft; und in grundlegender, theoretisch fundierender Hinsicht – also bezogen auf Fragen der intergenerationellen Zeitlichkeit sowie der (Dis-)Kontinuitäten des guten Lebens – ist es auf eine Zusammenarbeit mit TP-A (Philosophie) und dem ZIP (Medizinethik) angewiesen.

Das Teilprojekt ist verortet am Institut für Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. 

 

Projektleiter:innen: 

Prof. Dr. Claudia Stockinger 
Dr. Christian Hißnauer

Studentische Hilfskraft: 

Richard Fisch

Broschmann, Daniel (2025): Narrativität der Lebensbedrohung. In: Christian Hißnauer und Claudia Stockinger (Hg.): Narrativität und Medizin, Bd. 18. Bielefeld, Germany: transcript Verlag (Medical Humanities), S. 75–92.

Ellerich-Groppe, Niklas; Schweda, Mark (2025): Die normative Bedeutung von Narrativen in den Debatten um intergenerationelle Solidarität in der COVID-19-Pandemie. In: Christian Hißnauer und Claudia Stockinger (Hg.): Narrativität und Medizin: transcript Verlag, S. 211–236.

Hißnauer, Christian (2025): Kinderwunsch und die ›Halbgötter in Weiß‹. In: Christian Hißnauer und Claudia Stockinger (Hg.): Narrativität und Medizin: transcript Verlag, S. 147–208.

Hißnauer, Christian (2024): „It’s the End of the World as we know it – and I feel fine“. In: Christian Hißnauer, Thomas Klein, Lioba Schlösser und Marcus Stiglegger (Hg.): Dystopien in Serie. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 185–207.

Hißnauer, Christian; Klein, Thomas; Schlösser, Lioba; Stiglegger, Marcus (Hg.) (2024): Dystopien in Serie. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Hißnauer, Christian; Stockinger, Claudia (Hg.) (2025a): Narrativität und Medizin. Bielefeld, Germany: transcript Verlag (Medical Humanities)

Hißnauer, Christian; Stockinger, Claudia (2025b): Was heißt und zu welchem Ende beschäftigt sich die Literatur- und Medienwissenschaft mit Narrativität/Narratologie? In: Christian Hißnauer und Claudia Stockinger (Hg.): Narrativität und Medizin: transcript Verlag, S. 7–54.

Hißnauer, Christian; Stockinger, Claudia (2024): Narrativität und Zeit(lichkeit). In: Sonja Deppe, Anne Clausen, Isabella Marcinski-Michel, Mark Schweda und Claudia Wiesemann (Hg.): Handbuch Medizin und Lebenszeit. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 1–10.

Hißnauer, Christian; Stockinger, Claudia (2023): Medizin und die Zeitlichkeit guten Lebens in populären Fernsehnarrativen. In: Ethik Med 35 (1), S. 93–109. DOI: 10.1007/s00481-022-00735-5.

Marcinski-Michel, Isabella (2025): Schwangerschaftsverlust in der Ethik der Reproduktion(smedizin). In: Christian Hißnauer und Claudia Stockinger (Hg.): Narrativität und Medizin: transcript Verlag, S. 135–146.

Mohacsi, Laura; Stange, Lena; Höfig, Saskia; Nebel, Lisa; Broschmann, Daniel; Hummers, Eva; Kleinert, Evelyn (2024): A 'good death' needs good cooperation with health care professionals - a qualitative focus group study with seniors, physicians and nurses in Germany. In: BMC palliative care 23 (1), S. 292. DOI: 10.1186/s12904-024-01625-x.

Stockinger, Claudia (2025): Die Zeitlichkeits-Effekte des medikalischen Echtzeiterzählens. In: Christian Hißnauer und Claudia Stockinger (Hg.): Narrativität und Medizin: transcript Verlag, S. 267–298.