Kontinuitäten und zeitliche Brüche: Zeitaspekte guten Lebens von Herzkranken unter Gesichtspunkten von Generativität und Gender
Ziel der zweiten Förderperiode ist eine Vertiefung des Verständnisses guten Lebens in der Zeit bei Herzkranken durch die Einbeziehung der Aspekte von Generativität und Gender. Das psychokardiologische Teilprojekt (TP-C) knüpft dabei sowohl an die Ergebnisse der ersten Förderperiode als auch an eigene Vorarbeiten zur Phänomenologie von Leiblichkeit, Zeitlichkeit, Selbstbestimmung und Lebensqualität in Gesundheit und Krankheit an: In der ersten Förderperiode konnte gezeigt werden, dass schwer am Herzen erkrankte Personen die Erkrankung als tief verunsichernden Einschnitt im eigenen Leben wahrnehmen und beim Umgang damit auf medizinische und emotionale Hilfe angewiesen sind. Die Bewältigung einer schweren Herzerkrankung führt zur Konfrontation mit Tod und Sterblichkeit sowie zu einem Bedürfnis nach Selbstzuwendung und haltgebenden Beziehungen.
In Auseinandersetzung mit der Herzerkrankung werden darüber hinaus im weiteren Verlauf Aspekte des posttraumatischen Wachstums berichtet, d. h. einer veränderten Haltung gegenüber dem Leben und einer Neuausrichtung der Lebensführung. Ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Endlichkeit und die Dankbarkeit dafür, aufgrund der erfahrenen (medizinischen und emotionalen) Zuwendung weiterleben zu können, führen in der postakuten Phase zu dem Wunsch, etwas zurückgeben zu können. Mit der erhöhten subjektiven Bedeutung enger Beziehungen entsteht ein Bedürfnis nach Gegen- und Weitergabe, in dem sich bereits Aspekte von Generativität andeuten. Diese Formen der Generativität im allgemeinen Sinne (kulturell, institutionell), als Mid-life- (Reproduktion und Elternschaft) und als Late-life-Generativität (Vermächtnis im hohen Lebensalter) sowie deren Erschwerung und Scheitern sollen bei herzerkrankten Patient:innen untersucht werden.
In den geplanten qualitativen Interviews und Fokusgruppen soll die weitere Vertiefung des Themas, insbesondere auch unter Gender-Gesichtspunkten, erfolgen, wie sie in der Herzmedizin seit Längerem angemahnt werden: die Berücksichtigung von soziokulturellem und biologischem Geschlecht bei Fragen von gutem Leben und Generativität mit Herzerkrankung. Paradigmatisch hierfür kann die Situation einer Patientin mit angeborenem Herzfehler genannt werden, deren Kinderwunsch (bzw. die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft) zugleich vor dem Hintergrund einer potenziellen Lebensbedrohung von Mutter und/oder Kind gefällt werden muss.
Schließlich wollen wir die qualitativ-empirischen Ergebnisse der ersten und zweiten Laufzeit für die Anwendung im medizinischen Behandlungskontext nutzbar machen. Dazu sollen die Ergebnisse an Herzpatient:innen zu Vorstellungen guten Lebens und Zeiterlebens, vertieft um die Aspekte von Generativität und Geschlechtseffekten, für junges und mittelaltes Lebensalter ebenso wie für höheres Lebensalter (>65 Jahre) zur Entwicklung einer computeradaptiven Testung (CAT) genutzt werden. Aufgrund des Einbezugs dieser Aspekte verstehen wir das darunter operationalisierte Konstrukt „gutes Leben“ mit einer Herzerkrankung explizit breiter als das in der medizinischen Outcome-Forschung übliche Konstrukt der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (engl. Health-Related Quality of Life; HRQoL).
Das Teilprojekt ist an den Standorten Göttingen und Berlin verortet, was eine umfassende Expertise für diese komplexe Forschungsfragestellung ermöglicht:
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen
Projektleiter:
Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen
Dr. Daniel Broschmann
Projektmitarbeiterin:
Lisa Nebel (Psychologische Forschungsmitarbeiterin)
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik der Charité Universitätsmedizin Berlin
Projektleiter:
Projektmitarbeiter:
Dr. Paul Klapproth (Ärztlicher Forschungsmitarbeiter)